Die Urbanauten bangen um den Kulturstrand an der Corneliusbrücke
Von Manuel Schölles am 27. April 2010 · Notiz
Zwei Wochen vor dem geplanten Start des Kulturstrandes am Isarbalkon der Corneliusbrücke, der im letzten Jahr mit über 100.000 Besuchern aufwarten konnte, gibt es noch immer keine Genehmigung aus dem Münchner Rathaus. Die Urbanauten, die sich die (Wieder-)Belebung öffentlicher Räume zur Aufgabe gemacht haben und auch den Kulturstrand organisieren, denken sogar schon daran, die Sache ganz aufzugeben, zu zeit- und nervenraubend verhält sich die städtische Bürokratie. Dabei scheint es sich so zu verhalten, als ob zwei Weltanschauungen, zwei München-Bilder aufeinander treffen: auf der einen Seite die Proponenten eines urbanen, vielleicht sogar: postmodernen Münchens, auf der anderen Seite die zögernden Hüter von Ordnung, Ruhe und Sauberkeit. In Wahrheit gibt es aber gar kein Gegeneinander, weil sich Stimmung und Atmosphäre der bayerischen Landeshauptstadt doch eigentlich dadurch auszeichnet, beide Positionen aufs beste vermitteln zu können. Man könnte dies den lässigen Hedonismus Münchens nennen; und der Kulturstrand an der Corneliusbrücke stellt eine wunderbare Manifestation dieses Hedonimus dar. Es ist nur zu hoffen, dass dies auch im Rathaus verstanden wird.
Im Übrigen: Laut der Bevölkerungsprognose der Bertelsmann-Stiftung wächst die Münchner Bevölkerung bis zum Jahr 2025 um 11,6 Prozent. München kann damit von allen deutschen Städte die mit Abstand größte Dynamik vorweisen; dass dies auch im Stadtleben seinen Niederschlag finden wird, steht außer Zweifel. Es wird noch einiges in Bewegung kommen.
Vom Vorteil, nicht kommentieren zu dürfen – eine Polemik wider das freie Kommentieren im Internet
Von Manuel Schölles am 23. April 2010 · Essay
Kommentare im Internet sind wie der Sand der Wüste. Will man ihn zu fassen kriegen, zerrinnt er zwischen den Fingern und das einzelne Sandkorn für sich scheint keine Bedeutung zu haben; in ihrer Gesamtheit aber bilden die Kommentare eine unermessliche Ansammlung von Meinungen, Ideen und Verweisen, die nichts mehr anderes sind als eben Haufen, Fülle, Überschuss oder gar – Netz.
Weiterlesen …
Über die Verhältnisse im neuen Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität
Von Tom Wellmann am 20. April 2010 · Marginalie

Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin
Foto: Kai Hendry (cc-by)
Schon mehrere Journalisten hat die neue Zentralbibliothek der Humboldt-Universität, das Grimm-Zentrum, zu einem Vergleich mit einem Swimming-Pool auf Mallorca inspiriert. Wer schon einmal in einer mediterranen Ferienanlage Urlaub gemacht hat, kennt die bei den Deutschen weit verbreitete Sitte, sich vor dem Frühstück durch Ablegen eines Badehandtuchs die besten Liegestühle am Pool für den Tag zu reservieren. Mit diesem Phänomen hat seit seiner Eröffnung auch das Grimm-Zentrum zu kämpfen, nur dass es sich dabei nicht um Liegestühle, Handtücher und Urlauber, sondern um Leseplätze, Bücher und Studenten handelt. Schwer hat es, wer sich dort unter der Woche erst am Mittag auf die Suche nach einem freien Platz im Lesesaal begibt. Die Leitung des Hauses hat darum nach diversen provisorischen Schritten jetzt zu einer für Bibliotheken höchst ungewöhnlichen Maßnahme gegriffen: Jeder Nutzer erhält bei Eintritt eine rote Parkscheibe, auf der er bei jedem Verlassen seines teuren Arbeitsplatzes die aktuelle Uhrzeit einstellen muss. Wer nach einer Stunde nicht zurückgekehrt ist, hat den Anspruch auf seinen Leseplatz verwirkt; das, was er dort liegen gelassen hat, darf nun ohne Umschweife entfernt werden. Angeschlossene Laptops werden „zur Seite geschoben“.
Weiterlesen …
Ein Kommentar zur amerikanischen Fernsehserie „In Treatment“
Von Ulrike Janovsky am 14. April 2010 · Rezension

In Treatment von Rodrigo García, dem Sohn von Gabriel García Márquez, braucht wie viele gute Serien ein wenig Zeit. Man muss sich erst langsam hineinfinden. Aufgrund des besonderen Formats der ›Psycho-Therapie‹, das zu 80 Prozent nur einen einzigen Raum (mit Badezimmer) bespielt – bei den anderen 20 handelt es sich um die Wohnung der Supervisorin Gina (Dianne Wiest) –, gilt es, die Figuren vor allem durch ihre Erzählungen kennenzulernen. Gelegentlich wird dem Innen aber auch ein Außen entgegengestellt, indem die Patienten erst in das Zimmer des Therapeuten hineingeführt, manchmal sogar wie vor einer Pforte wartend gezeigt werden. Dabei kommt es nicht selten auch zum Fensterblick, der für den realistischen Film so bedeutend ist. Diese Situationen des Außen betreffen allerdings ausschließlich die Zeit vor und nach der Therapie. Es gibt also keine Zwischensequenzen, in denen visuell andere Orte, zum Beispiel durch eine andere Bildebene bei den Erzählungen der Patienten, bespielt werden. Nun könnte man meinen, dieser Umstand wirke ermüdend und würde den Zuschauer schnell langweilen, aber ganz das Gegenteil ist der Fall.
Weiterlesen …
Im Zwischen von Lust und Ordnung – Eine Interpretation von Ingmar Bergmans Film (erster Teil)
Von Silvia Tiedtke am 11. April 2010 · Tiedtke in Bergmanie
In Ingmar Bergmans Film Das Schweigen (Tystnaden) aus dem Jahr 1963 verkörpern zwei Schwestern, Ester und Anna, entgegengesetzte Prinzipien des Umgangs mit dem Leben. Zwischen den beiden steht Johan, Annas etwa neunjähriger Sohn. Die drei Figuren werden in einer Versuchsanordnung vorgeführt: Der Hauptteil des Films spielt in einem Hotel in einem fremden Land, dessen Sprache Ester, Anna und Johan nicht beherrschen. Die drei Hauptfiguren befinden sich in der unbekannten Stadt Tiimoka in sprachlicher Isolation und in einem seltsamen Zwischenzustand: Das Schweigen beginnt und endet mit Szenen, die auf einer Zugreise stattfinden. Anna, Ester und Johan sind auf einer Heimreise, dessen Anfangs- und Zielort aber nicht nur außerhalb der Filmhandlung bleiben, sondern auch sonst nicht näher bestimmt werden. Die Entfaltung der schwesterlichen Konstellation mit ihren Abhängigkeiten und Konflikten findet ganz in diesem haltlosen Niemandsland zwischen den Orten statt. So spielt sich der gesamte Film in einem Bereich schwebender Unbestimmtheiten ab; was er zeigt, ist ein Zustand des reinen, steten Übergangs.
Weiterlesen …
Warum es sich lohnt, Facebook-Fan zu werden
Von Manuel Schölles am 8. April 2010 · Notiz

Die Facebook-Seite von phainomena
Wir wollen, dass das Design von phainomena die Konzentration der Leser auf die Texte lenkt: Keine blinkende Seitenleiste mit sich ständig aktualisierenden Status-Meldungen, keine Kommentarfunktion, keine Werbung. Wir glauben auch nicht, dass sich dieses Blog für Linksammlungen und die Katalogisierung von Netzfundstücken eignet. Dennoch stoßen wir immer wieder auf interessante und außergewöhnliche Dinge, zu denen aber gerade kein eigenständiger Beitrag verfasst werden kann (und der die Sache ja auch entsprechend würdigen sollte). All dies könnt Ihr jedoch auf unserer Facebook-Seite finden! Jeder Fan – noch heißt das so – wird also nicht nur automatisch und in Echtzeit über die neuesten Artikel in diesem Blog unterrichtet, sondern empfängt zusätzliche Meldungen zu den Themen Philosophie, Kunst und Zeitgeist. Dasselbe gilt auch für unsere Twitter-Timeline; phainomena beschränkt sich also nicht nur auf diese Website, sondern ist über viele Orte im Internet zerstreut. So werden wir den verschiedenen Bedürfnissen unserer Leser, den vielfältigen spannenden Entdeckungen unserer Autoren und der harmonischen Geschlossenheit des Blogs am besten gerecht. Und: Keine Angst vor Spam! Wir werden täglich nicht mehr als ein bis zwei Nachrichten auf unserer Facebook-Wall posten. Wir freuen uns jedenfalls, Euch auf Facebook begrüßen zu dürfen!
Wilfried Stroh, Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom
Von Tom Wellmann am 5. April 2010 · Rezension

© Ullstein Verlag
Die Rhetorik ist und bleibt, trotz aller in den letzten zwei Jahrhunderten zu ihrer Revitalisierung getroffenen Maßnahmen, eine Disziplin der Antike, der griechischen und der römischen. Als solche würdigt sie Wilfried Stroh in seiner „kleinen Geschichte“ der antiken Rhetorik: Klein erscheint diese Geschichte, deren Erzählung auf über 500 dichten Seiten beim homerischen Epos einsetzt und bis zu ihren spätantiken Ausläufern fortgesponnen wird, zwar äußerlich nicht; angesichts der Überfülle des verfügbaren und von Stroh herangezogen, oftmals aber notgedrungen nur kurz gestreiften Materials, mag dieses Prädikat dennoch gerechtfertigt sein. Das Buch empfiehlt sich durch große Sachkenntnis und Gelehrsamkeit, gute Verständlichkeit, eine übersichtliche Gliederung und eine umfangreiche kommentierte Bibliographie. Das Panorama der antiken Rhetorik, das Stroh vor den Augen seiner Leser entfaltet, ist dabei überaus beeindruckend. Der Reichtum dieser Geschichte ist nicht allein durch die vielen in den Blick genommenen Jahrhunderte begründet, sondern vor allem auch durch das weite Spektrum der berücksichtigten Autoren. Behandelt werden sowohl Theoretiker als auch Praktiker der Rhetorik, philosophische Reflexionen zum Thema sowie technische Handbücher, Logographen und Politiker, abseitige, selten beachtete Autoren und solche, die jeder kennt.
Weiterlesen …