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Wo der Kahn nicht landen sollte

Die FAZ macht sich Gedanken über die Zukunft des Kapitalismus

Von Martin Ingenfeld am 25. Juni 2010 · Rezension

Die Zukunft des Kapitalismus

© Suhrkamp-Verlag

Den Diskurs darüber wachhalten, wohin der Kahn fahren und wo er auf keinen Fall landen soll: mit diesen Worten beschreibt der Publizist Thomas Strobl retrospektiv das Anliegen einer 27-teiligen Artikelserie zum Thema Die Zukunft des Kapitalismus, welche zwischen Mai 2009 und Januar 2010 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien und nun kompiliert zu einem Bändchen der edition suhrkamp vorliegt. Mehr oder minder namhafte Ökonomen, Sozialwissenschaftler, Juristen, Philosophen und – unvermeidlich –Schriftsteller trugen mit eigenen Gedanken dazu bei. Mit dem Versuch, die Intelligenz unseres Landes auf eine Deutung der über uns hereingebrochenen Realitäten zu verpflichten, tat es die Frankfurter Tageszeitung ihren Konkurrenten gleich – wenigstens ex post sollte sich die „Krise“ doch erfassen und verstehen lassen! Dieses Vorhaben ist dem symbolischen Zugrabetragen eines „Kapitalismus“, von dem niemand recht weiß, was er ist: Naturnotwendigkeit oder perverse Kulturerscheinung, natürlich vorzuziehen. Die Lektüre des Bändchens Die Zukunft des Kapitalismus – insofern ist Strobls Beschreibung zutreffend – regt immerhin zur weiteren Umkreisung dieser Fragen an. Dennoch muss man als Leser oft genug das Gefühl haben, sich mit den Kaffeesatzlesereien verschiedener Autoren gemein zu machen, oder dem Zwang widerstehen, das Buch gelangweilt zur Seite zu legen, weil es zwar den Status quo der Debatte dokumentiert, mehr aber auch nicht.

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Das Schweigen

„Hadjek“ – Ein ungewisses Versprechen – Eine Interpretation von Ingmar Bergmans Film (zweiter Teil)

Von Silvia Tiedtke am 22. Juni 2010 · Tiedtke in Bergmanie

Gäbe es nur die beiden Schwestern Anna und Ester mit ihrem unversöhnlichen und – wie man annehmen darf – endgültigen Abschied, würde Ingmar Bergmans Das Schweigen wahrlich trostlos und in nahezu unerträglicher Tristesse enden. – Zwischen beiden steht aber noch ein anderer: Johan (Jörgen Lindström), Annas Sohn, der ebenso seinen Abschied von der sterbenden Ester nehmen muss und der nicht bleiben kann. Trotzdem – Johan besitzt Eigenschaften, die Das Schweigen nicht in völlig düsterer Ausweglosigkeit enden lassen.

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Aufbegehren gegen die Tagessuppe

Ein literarischer Beitrag zur aktuell diskutierten Akademikerkrise: Wilhelm Genazinos Roman „Das Glück in glücksfernen Zeiten“

Von Sarah Fekadu am 25. Mai 2010 · Rezension

genazino

© Carl Hanser Verlag

Das Thema der prekären Situation des akademischen – insbesondere des geisteswissenschaftlichen – Nachwuchses zog sich in den letzten Monaten wie ein roter Faden durch die Feuilletons und Karriereseiten der großen Zeitungen. So schrieb Helmut Pape jüngst in der Zeit über die sklavenartige Ausbeutung von Privatdozenten an deutschen Hochschulen. Das manager magazin ermittelte in seinem Gehaltsreport Ende 2009, dass das Einstiegsgehalt von Geisteswissenschaftlern im Schnitt immer noch rund 8000 Euro geringer sei als das von vergleichbar qualifizierten Ingenieuren, Wirtschafts- und Naturwissenschaftlern. [1] Und Thomas H. Benton veröffentlichte in der Washingtoner Chronicle of Higher Education unter dem Titel The Big Lie About the ‘Life of the Mind’ einen sehr kritischen Kommentar zur Karrierevernichtungsmaschine Geisteswissenschaftliche Graduiertenschule: Sie produziere Individuen, die weder reelle Chancen auf eine wissenschaftliche Karriere noch auf eine Karriere in der freien Wirtschaft hätten. Der im Februar 2009 erschienene Roman Das Glück in glücksfernen Zeiten des in Frankfurt lebenden Schriftstellers und Büchner-Preisträgers Wilhelm Genazino, der von der Kritik fast ausschließlich mit Lob bedacht und vor kurzem mit dem Rinke-Preis ausgezeichnet wurde, ist in diesem Kontext deshalb so interessant, weil er das aktuell diskutierte Akademikerprekariat bereits thematisierte, als die Studierendenproteste des letzten Herbstes noch fern waren und sich die Medien noch nicht für die Misere des akademischen Mittelbaus interessierten.

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In the Mood for Love

„A Single Man“ von Tom Ford

Von Ulrike Janovsky am 21. Mai 2010 · Rezension

A Single Man

© Senator Film-Verleih

“Waking up begins with saying am and now.” Und kaum war dieser Satz ausgesprochen, musste ich an die laufende Vorlesung des Münchner Germanistikprofessors Oliver Jahraus denken, die den Titel Gegenwart trägt. Dort wurde das Phänomen des Erwachens als Moment des Präsentischen beschrieben, weil dieser Vorgang genau zwei wesentliche, ja, ich bin hingerissen zu sagen: unhintergehbare Anschauungsformen, ins Feld führt. Bin ich erwacht, bin ich also in Raum und Zeit. Und diese Grundsätzlichkeit wird in dem Film A Single Man von Tom Ford gleich mal im ersten Satz konstatiert, der überhaupt fällt.

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Im Exil der Sprache

Die Paradoxie von Javier Marías’ Roman „Dein Gesicht morgen“

Von Tom Wellmann am 20. Mai 2010 · Essay

Marías - Dein Gesicht morgen

© Klett-Cotta

Nachdem dieses Jahr der dritte Teil von Javier Marias’ Großroman Dein Gesicht morgen auf Deutsch erschienen ist, ist das Werk vielerorts noch einmal als Gesamtkunstwerk gewürdigt worden. Wie selbstverständlich wird da Marías als der „bedeutendste spanische Schriftsteller der Gegenwart“ und der Roman als ein „Meisterwerk“ bezeichnet. Die Virtuosität des Erzählens, der Reichtum an bestrickenden Aperçus und pointierten Stellungnahmen, die Brillanz der Sprache, die Tiefe und die gleichzeitige Leichtigkeit des Textes, der Ernst und der Humor seines Autors, sein Spiel mit Formen und Vorgängern: All diese literarischen Qualitäten haben die Rezensenten von Dein Gesicht morgen zu Recht in Entzückung versetzt und werden dies bestimmt mit vielen weiteren Lesern tun; ich will ihre Aufzählung hier nicht wiederholen, denn von der tatsächlichen Fülle dieses „literarischen Nachdenkens“ (pensamiento literario, wie Marías selbst seine Technik benennt), wird man so doch kaum eine Ahnung bekommen.

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Das Wissen des Handwerkers

Bildung allein ist nicht gefragt in der künftigen Arbeitsgesellschaft. Unentbehrliche korporale Präsenz ist der Schlüssel zum Erfolg

Von Manuel Schölles am 11. Mai 2010 · Marginalie

Es versteht sich von selbst, dass jede Bildungspolitik immer auch mit der Entwicklung der Arbeitswelt im Einklang stehen muss. Das erklärte Ziel von Bund und Ländern, dass im Bundesdurchschnitt 40 Prozent eines Jahrgangs ein akademisches Studium aufnehmen sollen, verweist also eo ipso auf die Frage, welche Vorstellung von den künftigen Herausforderungen am Arbeitsmarkt diesem Beschluss überhaupt zugrunde liegt. In diesem Zusammenhang ist viel von der „Wissensgesellschaft“ die Rede, die es auch in Deutschland, herausgefordert durch einen „erbarmungslosen globalen Wettbewerb“, zu stärken gilt und mit einer zunehmenden Technisierung und Verwissenschaftlichung des Lebens einhergeht. Dass Bildung, zumal akademische Bildung, in einer solchen „Wissensgesellschaft“ vonnöten ist und mithin die Erhöhung der Studienanfänger-Quote, um das Land „konkurrenzfähig“ zu machen, kann demnach kaum bezweifelt werden.

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Things to watch and read

Das Londoner File Magazine verbindet auf faszinierende Weise Bildende Kunst, Graphikdesign und Bewegtbild

Von Sarah Fekadu am 4. Mai 2010 · Marginalie

Angeregt durch Manuels Artikel über die Vielzahl spannender Neuerscheinungen auf dem Zeitschriftenmarkt hielt ich in letzter Zeit verstärkt Ausschau nach Magazinen, die mir noch nicht bekannt sind. Nicht am Bahnhofkiosk, sondern – wie heutzutage so häufig – bei einem meiner Streifzüge durch das Internet fiel meine Aufmerksamkeit auf das Londoner File Magazine, das ich noch am selben Tag bestellte und sofort nach Auffinden in meinem Briefkasten mit Begeisterung las.

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