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Quelle: http://phainomena.de/2011/02/02/lena-singt-fuer-deutschland

Lena singt für Deutschland

Strange und ganz die Alte: Hochkonjunktur des Meinungsjournalismus

Von Kay Wolfinger am 2. Februar 2011 ·  Marginalie

Am Montagabend, den 31. Januar, war es soweit. Nachdem wir, die Nation, letztes Jahr Lena Meyer-Landrut als unseren Star für Oslo gefunden und mit dazu beigetragen hatten, dass sie und ihr Siegerlied Satellite zum „Wunder von Oslo“ geworden waren, widmen wir uns nun unserer „nationalen Aufgabe“ für 2011. Stefan Raab schließt mit seiner Sendung Unser Song für Deutschland konsequent an seinen letztjährigen Erfolg Unser Star für Oslo an, der ihm auch den Bayerischen Fernsehpreis beschert hat, dessen Gewinnsumme von 10.000 Euro er auf Lenas Sieg in Oslo gewettet hatte, und eindrucksvoll bewies, dass es möglich ist, mit einem klugen Konzept und den richtigen Möglichkeiten den ESC endlich wieder zu gewinnen. Unser Song für Deutschland ist wieder eine Gemeinschaftsproduktion zwischen ProSieben und NDR und ARD (Privatier trifft Zwangsfinanzierung), hat dieselben Moderatoren und ist in der Mottomelodie und im Visuellen designidentisch mit der Sendung letztes Jahr.

Rückblick

2010 war in der Tat das Jahr der Lena Meyer-Landrut. Ihre Kritiker schauten nach ihrem unbestreitbaren Erfolg eigenartig verstummt und pikiert aus der Wäsche. Ralph Siegel fiel nach vorheriger Besserwisserei nach Deutschlands Sieg kein besserer Kommentar ein, als dass das Lied ja nicht von einem deutschen Komponisten sei. Nun jedoch sind die Meinungsjournalisten wieder da und überschwemmen erneut die Kommentarspalten und Ausgaben ihrer medialen Sprachrohre von SZ bis Spiegel mit ihren Statements. Anbei: Es ist völlig klar, dass Lenas einstige Natürlichkeit weg ist. Das, was vor zwölf Monaten so frisch, ungewohnt, fröhlich wirkte, ist einer souveränen Professionalität gewichen, die sich nun den Vorwurf gefallen lassen muss, nicht mehr so authentisch zu sein. Selbst in der Werbepause wirbt Lena als Charakterikone für den neuen Opel Corsa. Aber Lena ist nach wie vor Lena. Sie kanalisiert nach wie vor Freude, Spontaneität und Witz, wenn man das so sehen will, aber hat sich natürlich „weiter entwickelt“, wie eine der redundanten Leerformeln lautet. Lena braucht kein zweiter Johnny Logan zu sein, der vor gefühlten vierzig Jahren den Grand Prix d’Eurovision de la Chanson im Abstand von sieben Jahren zwei Mal gewann.

Vertrauen

Wir wissen auch so – im Voraus –, dass Lena eine gute Wahl für Deutschland ist, unsere amtierende Europameisterin im Singen, und wir können trotz aller Bedenken, was wohl sein wird, wenn sie nicht gewinnen oder unter die Top 5 kommen wird (gar nichts wird sein), feststellen, wie schön Stefan Raabs ungewohnte und irritierende Idee ist, Lena ihren Titel verteidigen zu lassen. Es gibt nur wenige Beispiele in der ESC-Geschichte, die das versucht haben. Allein weil es dies so selten gegeben hat, ist es ein großer Versuch, ganz egal, wie es ausgehen wird. Wir müssen uns hinter diese Innovation stellen, so wie wir letztes Jahr hinter einer unkonventionellen jungen Frau standen und uns von der medialen Begeisterung anstecken ließen und fast immun gewesen wären gegen schlechte Voting-Ergebnisse. Gönnen wir ihr nun die Suche nach einem guten Lied, so wie man es einst Katja Ebstein gegönnt hat, als gesetzte Vertreterin eine ganze Sendung lang Lieder zu präsentieren und ganz basisdemokratisch das Publikum entscheiden zu lassen. Basisdemokratie wie ich sie akzeptiere!

31. Januar: Abend der Lieder

Gewiss: Bei den sechs Liedern dieser Woche waren ein paar zu ruhige „Nummern“ dabei, wie auch Stefanie Kloß von Silbermond attestierte und die klügsten und differenziertesten Kommentare abgab, die ihr wegen des strengen Zeitregimes immer wieder abgeschnitten wurden. Dann kommt das elektronische Lied Taken by a Stranger, und das Publikum im Saal und an den Bildschirmen ist fasziniert. Geheimnisvoll, ungewohnt und leicht gruselig kommt diese Ballade an den attraktiven Fremden daher, das Bekenntnis zum mysteriösen Anderen. Ganz Lena und ganz ungewohnt, keine einzige Passage für die laute Klangfarbe ihrer Stimme, für ihren björkartigen Avantgardismus. „Eine neue Facette“, wie man so schön sagt. Mit ihrem sechsten Song What happened to me ist Lena wieder ganz die Alte: schwungvoll, mitreißend, fröhlich. Auch dieses Lied ist weiter, aber vielleicht hat Deutschland nun schon seinen Song für Oslo gefunden, falls nächste Woche nicht noch einmal etwas derartig Auffallendes dabei sein wird. Damit können wir zumindest dem „Ukrainer mit der Flex“ (O-Ton Raab) trotzen. Die Meinungsjournalisten mäkeln herum, die Show sei zäh gewesen, es sei nur ein herausragender Titel dabei gewesen. Ja immerhin! Welch Klage auf hohem Niveau. Meinungen aller Länder vereinigt euch! Die besten Prognosen sammle und dokumentiere ich. Zuschriften bitte per E-Mail. Und an alle hauptberuflichen Meinungsproduktionsmaschinen: Stranger things are starting to begin! Vieles von dem, was nun geschieht, mag „vertraut“ erscheinen, aber der Umschlagspunkt hin zum Eigenartigen und Seltsamen ist nicht weit entfernt. Ist der Orbit des Satelliten erst verlassen, ist es immer noch extraterrestrisch.


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