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Quelle: http://phainomena.de/2010/08/22/verlust-und-sieg

Verlust und Sieg

Ein Nachruf auf den Künstler Christoph Schlingensief

Von Kay Wolfinger am 22. August 2010 ·  Marginalie

49 Jahre durfte er werden. Am 21. August starb der Regisseur, Filmemacher, Performancekünstler und Sozialaktivist Christoph Schlingensief. Seit 2008 war er an Lungenkrebs erkrankt: Bittere Erfahrungen von Vergänglichkeit, Schmerz und Desorientierung, die er in seinem Buch So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! – Tagebuch einer Krebserkrankung (2009) verarbeitete und auf einer groß angelegten Lesereise öffentlich machte, bei der er und ein oft mit ähnlichen Erfahrungen versehenes Publikum in Austausch treten konnten. So radikal und schonungslos wie diese Selbstentblößung, wie sein Kampf gegen den Krebs, wie sein Zwang, die Menschen zum Hinschauen zu bewegen, so bedingungslos ist auch das Werk, das er hinterlassen hat. Was wird bleiben? Ohne Zweifel seine wunderbaren avantgardistischen Experimentalfilme, die auch nach zwanzig Jahren noch sehenswert sind, oder seine Zusammenarbeit mit Helge Schneider, der in Schlingensiefs Mutters Maske (1988) eine demaskierende Parodie auf Veit Harlans Filmkunst geben durfte, die seine spätere Hitlerrolle in Dani Levys Mein Führer (2007) deutlich in den Schatten stellt. Schlingensief selbst hat kameraführend an einer unnachahmlichen Sequenz von Helge Schneiders Kinofilm Texas (1993) mitgewirkt und bei der Co-Regie von Schneiders 00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter (1994) sein Gespür für Innovation und Erneuerung bewiesen.

Politische Kunst

Als ich im Frühsommer 2000 die Pfingstferien in Wien verbrachte, konnte ich noch Schlingensiefs aufsehenerregende Aktion Bitte liebt Österreich erleben und davon überzeugt werden, wie politisch, wie provokant Schlingensief zu arbeiten versteht. Zu einer Zeit, als die Ausländerfeindlichkeit unseres Nachbarlandes besorgniserregende Ausmaße angenommen hatte und die allererste Staffel von Big Brother auf RTL die Mediendebatte bestimmte, stellte Schlingensief vor die Wiener Staatsoper einen Container mit Asylanten als Insassen, die man mithilfe von Kameras rund um die Uhr beobachten und im Internet sowohl aus dem Container als auch aus dem Land Österreich hinauswählen konnte. Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek gehörte zu den frühen Schlingensief-Fans und damals zu den Promibesuchern im Container. Politisch war seine Kunst immer und gerade deshalb auch nicht frei von Irrtümern.

Schlaglichter eines großen Werkes

Viel hat sich seither ereignet: Theater- und Operninszenierungen sind hinzugekommen. Mit seiner Parsifal-Gestaltung 2004 in Bayreuth schuf Schlingensief auch eine kontrovers diskutierte Hommage auf Joseph Beuys und führte dessen sich bedingungslos in den gesellschaftlichen Diskurs bohrende Idee der sozialen Plastik in einem in Afrika geplanten Festspielhaus fort. Vielleicht hat Schlingensief an die weltverändernde, integrierende und heilende Kraft der Kunst geglaubt. Geleistet hat er im System der Kunst aus diesem Grunde viel. Seine in der Berliner U-Bahn gedrehten und auf MTV gesendeten Folgen der Underground-Improvisationsshow U 3000 setzten skurrile Maßstäbe bei einem auf Musikclips trainiertem Publikum. Genauso wie sein Mainstream-Trash-Format Freak Stars 3000 (VIVA), in dem Behinderte als Schauspieler agierten und die üblichen Erwartungen des TV-Zuschauers grenzenlos herausforderten. Nicht zu vergessen, dass Schlingensiefs Inszenierungsgewalt so groß war, dass er nicht vor einem Bühnenprojekt mit Neonazis als Akteuren zurückschreckte, das damals die Feuilletons bewegte.

Glaube und Hoffnung

In einem Cicero-Interview vom Januar 2010 erklärte Schlingensief noch, dass er sich vom neuen Jahr die anhaltende Wirkung seiner Medikamente und das Nachlassen der inneren Ängste wünsche. Nun hat Schlingensief den Kampf gegen seine Krankheit viel zu früh verloren. Aber gesiegt hat sein nun abrupt abgeschlossenes großes Gesamtwerk, das in retrospektiven Ausstellungen weiter wirken wird und sein unermüdlicher Einsatz für Afrika, das ihn wie kein anderer Kontinent zu faszinieren vermochte. Im Cicero-Interview wurde Schlingensief als gläubiger Christ bezeichnet, der zwar seine Probleme mit der Amtskirche nicht verschwieg und trotzdem eine starke Hoffnung in sich spürte. Auf die Frage, ob er an die Unsterblichkeit der Seele glaube, befand er sich im Ungewissen, sprach aber von einem gewachsenen Festhalten an dieser Vorstellung. Nun dürfte er erfahren haben, dass diese Hoffnung nicht vergebens war. Welcher Teil seines Gesamtkunstwerkes allerdings die Zeiten überdauern wird, muss sich zeigen. Die Impulse, die seine Ideen und Arbeiten ausstrahlen, werden aber sicher noch lange spürbar sein.

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