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Quelle: http://phainomena.de/2010/08/12/mysteries-of-love

Mysteries of Love

Nachtrag mit wunderbaren Filmen vom Filmfest München, die es sich unbedingt lohnt anzuschauen

Von Ulrike Janovsky am 12. August 2010 ·  Rezension

Filmstill aus „Unter dir die Stadt“ / © Piffl Medien

Nun liegt das Münchner Filmfest zwar schon ziemlich weit zurück, aber das bedeutet noch lange nicht, dass die Filme schon in den deutschen Kinos laufen, falls sie es überhaupt je bis dahin schaffen werden. Dieses undankbare Schicksal, keinen Verleih zu finden, wird höchstwahrscheinlich Redland von Asiel Norton zuteil (Trailer). Seit langem hat mich ein Film nicht mehr so bezaubert und auf die Notwendigkeiten des Lebens zurückgeführt, wie es dieser getan hat. Die Bilder und die Weise ihrer Darbietung im Reigen dieser fabelhaft besetzten Schauspieler eröffnen eine Welt, die uns ferner nicht sein kann, und trotzdem steckt dahinter eine Geschichte, die universale Gültigkeit hat. Es geht um die existenzielle Aufgabe, den Erhalt einer Familie zu sichern und die erschreckenden aber zugleich notwendigen, ja natürlichen Wege diesem Ziel nachzukommen.

In einer ganz anderen Lage befinden sich Sonia (Charlotte Gainsbourgs) und Daniel (Romain Duris) in Patrice Chéreaus Persécution (Trailer). Sie können nicht mit und irgendwie auch nicht ohne einander; sie sind sich am nächsten, wenn sie sich am fernsten sind. Und so ist die eindringlichste Szene gerade nicht die, die sie zusammen führt und schließlich im Bett beim Sex vereinigt, sondern Szenen in denen sie sich ferner nicht sein könnten. Szenen, in denen die Unmöglichkeit einer Begegnung im Bild gebannt ist: der Anrufbeantworter mit Charlotte Gainsbourgs Stimme oder das Telefonat, in dem sie praktisch einen Monolog hält. Auch wenn gerade diese Schauspielerin eine wunderbare Präsenz ausstrahlt, wenn man sie sieht, so ist es hier genau andersherum. Man kann sich an ihrer Stimme einfach nicht satt hören, man wünscht sie sich in die Ferne, nur um diese Szenen genießen zu können. Und so nimmt es nicht wunder, dass auch das Lied, das ihre Liebe besiegelt, erst ertönt, als sich die Wege der beiden wieder trennen. Mysteries of Love war zum ersten Mal in David Lynchs Blue Velvet zu hören, von Julee Cruise gesungen, und wurde nun hier wunderbar von Antony and the Johnsons neu belebt. Persécution stellt das verzweifelte Ringen zweier Liebender im Spiel von Nähe und Ferne dar – eben ein echter Film über die Liebe.

Und als letztes möchte ich noch einen Eindruck, also meinen Eindruck, von Christoph Hochhäuslers Unter dir die Stadt wiedergeben (offizielle Website). Ehrlich gesagt, war ich sehr überrascht, wie humorvoll der Film inszeniert ist. „Eine heiße Zitrone, bitte!“ sagt Roland, nachdem all seine Kollegen ein Wasser bestellt haben, sitzt bei einem höchstwichtigen Meeting einem ehemaligem Marienhof ⁄Verbotene Liebe-Soap-Darsteller gegenüber und trifft vermutlich gleich milliardenschwere Entscheidungen. Cool. Und noch dazu ist Svenja (Nicolette Krebitz) eine ganz umwerfende Schelmin, die sich ganz stilsicher immer nur eine klitzekleine Kaffeebohne neben der Spur bewegt und damit wiederum bei Roland (Robert Hunger-Bühler) und seiner heißen Zitrone genau richtig ist. Es ist ein Spiel, nichts anderes will der Film für mich sein. Er will eben keine tiefenpsychologische Auslotung menschlicher Abgründe servieren: es sind nun einmal nicht die bösen reichen Bänker, die alles erreicht und dafür ihre Seele an dem Typen mit dem Bocksfuß verkauft haben.

Svenja ist so verspielt, dass sie das Verschwinden ihres Mannes nicht beeindrucken kann, denn viel wichtiger ist es, ihre Position im Ringen mit Roland nicht zu verlieren. Da werden Begebenheiten aus der Vergangenheit, Traumata, die in den meisten Filmen dramatisch ausgeschlachtet werden, einfach so erzählt und finden keine weitere Beachtung. Wenn also Verena Lueken (FAZ) wissen will, warum Roland Fixer beim Abschießen zuschaut oder was Svenja mit ihrem Mann verbindet, würde ich antworten: Keine Ahnung, ist mir aber auch egal. Ich habe einfach diese subtile, humorvoll-nihilistische Art und Weise genossen, wie hier eine Frau die Frage nach dem Sinn des Lebens längst hinter sich gelassen oder gar nie gestellt hat, und dafür lieber schaut, was das Leben für sie an netten Macht-Spielereien so hergibt. Einfach wunderbare Unterhaltung mit umwerfenden Bildern, denkt man allein an die Autoscheibenszene oder auch das Gartengeschlender.

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