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Quelle: http://phainomena.de/2010/06/29/we-are-carrying-the-fire

We are carrying the fire

Notizen zum Münchner Filmfest: „The Road“, „Der letzte schöne Herbsttag“ und „Le jour où dieu est parti en voyage“

Von Ulrike Janovsky am 29. Juni 2010 ·  Rezension

I’m not an american filmmaker.” Das war einer der Sätze des Regisseurs John Hillcoat, die mir noch im Gedächtnis herumschwirren, nachdem das Licht erloschen ist und der Film begonnen hat. The Road (Trailer) ist die Verfilmung des gleichnamigen amerikanischen Kultromans von Cormac McCarthy aus dem Jahre 2007 und erzählt die Geschichte eines Vaters (Viggo Mortensen), der sich im Gegensatz zu seiner Frau (Charlize Theron) für das Leben und damit für ein Leben mit seinem Sohn (Kodi Smit-McPhee)in einem postapokalyptischen Horrorszenario entscheidet. Schade ist, dass der Film wenig Spielraum für die Infragestellung der Entscheidung des Vaters lässt. Der Schluss macht das ganz deutlich: im Unterschied zur literarischen Vorlage wird hier nämlich das Kind in eine neue Familie überführt, die kein einziges negatives Anzeichen lässt. “We are the good guys because […] we are carrying the fire”, sagt der Vater einmal zu seinem Sohn. Dass es vom prometheischen Feuer als Zeichen der Kulturstiftung nicht weit zu einem entfesselten, zerstörerischen, ja mörderischen Feuer ist, führt der Film allerdings auf eine Weise vor, die diese Vater-Sohn-Beziehung nicht wirklich berührt. Hier gibt es ganz klar zwei Seiten, die Guten und die Bösen. Dabei wäre die Ambivalenz doch gerade vor dem Hintergrund eines dystopischen Zukunftsentwurfs das eigentlich Interessante gewesen. Jedes neue Haus auf dem Weg nach Süden wirft für die beiden die Frage auf, was sich in ihm verbirgt: eine Dose Coca-Cola oder ein Keller voller ausgemergelter, beinahe toter Körper auf dem Weg zur Schlachtbank. Die Figur des Un-Heimlichen, das hier wunderbar in der Bildlichkeit des Hauses entworfen wird, fehlt auf der Seite der Charaktere fast völlig. So fern also ist der rettende Gott dann doch nicht.

Für Zwischendurch ist Der letzte schöne Herbsttag von Ralf Westhoff – mit Julia Koschitz (Claire) und Felix Hellmann (Leo) in den Hauptrollen – eine angenehm leicht verdauliche Kost. Monologe und Dialoge sind mit Liebe zum Detail entworfen und lassen für eine gewisse Zeit über die eher schwache schauspielerische Leistung seitens der Hauptdarsteller hinwegsehen. Die Liebe der Kamera zu den beiden will sich einfach nicht auf Seiten des Zuschauers einstellen. Und so ist man doch recht froh, einmal Claires mädchenhaft gekünstelte Art über die Sprüche und Kantigkeit ihrer besten Freundin Yvonne (Katharina M. Schubert) – wenn auch nur für kurze Zeit – vergessen zu können. Allerdings sei an dieser Stelle fairerweise gesagt, dass sehr gute Komödien in der deutschen Kinolandschaft mehr als selten zu finden sind, und Der letzte schöne Herbsttag trotz aller Kritik meinerseits, zu den wenigen guten gehört.

Mein erster Film auf dem diesjährigen Münchner Filmfest war Le jour où dieu est parti en voyage (Trailer) von Philippe van Leeuw am frühen Samstagabend. Der Film führt den Schrecken des Genozids von Ruanda am Beispiel des Schicksals einer Mutter auf eine Weise vor Augen, die erschütternder, trauriger und auswegloser nicht sein kann. Das Kindermädchen Jacqueline (Ruth Nirere) entscheidet sich gegen die Flucht nach Europa und geht zurück in ihr Dorf, in der Hoffnung ihre Kinder noch lebend zu finden. Als sie die Türschwelle betritt, weiß man jedoch schon, dass dieser Traum zerplatzt ist und die Einstellung am Anfang des Films, in der wir Jacqueline mit ihren Kindern inmitten des saftigen Grüns des Urwaldes sehen, in eine unerreichbare Ferne rückt. Von nun an zeigt der Film das vergebliche Ringen einer Frau um eine Verbindung zu einer entzogenen Welt, die sie eigentlich schon längst verabschiedet hat. Die großartige schauspielerische Leistung von Ruth Nirere entfesselt eine Kraft, die den klaffenden, monströsen Abgrund sichtbar zu machen vermag, auf dem jene traumhafte Schönheit des Urwaldes gebaut ist. Damit wird ein Gesetz ins Bild gehoben, das keinen Namen hat, das sprachlos ist wie sie selbst.

Website des Filmfests München

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