
© Suhrkamp-Verlag
Den Diskurs darüber wachhalten, wohin der Kahn fahren und wo er auf keinen Fall landen soll: mit diesen Worten beschreibt der Publizist Thomas Strobl retrospektiv das Anliegen einer 27-teiligen Artikelserie zum Thema Die Zukunft des Kapitalismus, welche zwischen Mai 2009 und Januar 2010 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien und nun kompiliert zu einem Bändchen der edition suhrkamp vorliegt. Mehr oder minder namhafte Ökonomen, Sozialwissenschaftler, Juristen, Philosophen und – unvermeidlich –Schriftsteller trugen mit eigenen Gedanken dazu bei. Mit dem Versuch, die Intelligenz unseres Landes auf eine Deutung der über uns hereingebrochenen Realitäten zu verpflichten, tat es die Frankfurter Tageszeitung ihren Konkurrenten gleich – wenigstens ex post sollte sich die „Krise“ doch erfassen und verstehen lassen! Dieses Vorhaben ist dem symbolischen Zugrabetragen eines „Kapitalismus“, von dem niemand recht weiß, was er ist: Naturnotwendigkeit oder perverse Kulturerscheinung, natürlich vorzuziehen. Die Lektüre des Bändchens Die Zukunft des Kapitalismus – insofern ist Strobls Beschreibung zutreffend – regt immerhin zur weiteren Umkreisung dieser Fragen an. Dennoch muss man als Leser oft genug das Gefühl haben, sich mit den Kaffeesatzlesereien verschiedener Autoren gemein zu machen, oder dem Zwang widerstehen, das Buch gelangweilt zur Seite zu legen, weil es zwar den Status quo der Debatte dokumentiert, mehr aber auch nicht.
Wenn jene „recht ungewöhnliche Zusammenarbeit zwischen Blog und […] Feuilleton“ (10) – mit diesen Worten darf FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher die Kooperation seiner Zeitung mit dem von Strobl betriebenen Weblog weissgarnix.de loben – überhaupt etwas zeigt, dann eben, dass weiterer Diskurs nötig ist. Denn in der Vielfalt der im Gestus zweifelsfreier Gewissheit vorgetragenen Einzelmeinungen präsentiert sich die gesamte Breite gesellschaftlich bestehender Uneinigkeit – um nicht zu sagen: Verunsicherung – über die notwendige Ausrichtung des sprichwörtlichen Staatsschiffes. Klarheit über die Zukunft des Kapitalismus wird man aus der Lektüre des Suhrkamp-Bändchens also nicht gewinnen, eher wird man seine eigene Meinung mit und gegen 27 verschiedene andere Meinungen bilden oder schärfen. Orientierung angesichts bestehender Unsicherheit vermitteln sie nicht – allenfalls bilden sie eine bestehende Überorientierung durch miteinander inkommensurable Positionen ab. Da ist die Bearbeitung der verbliebenen und entstandenen Fragezeichen das einzige, was mit Sicherheit bleibt.
Mythos soziale Marktwirtschaft
Wie üblich dienen Termini wie „soziale Marktwirtschaft“, „Kapitalismus“ und zumal „Neoliberalismus“ auch in den Beiträgen der FAZ-Serie in erster Linie als Streit- und Kampfbegriffe. Bereits in seinem einleitenden Beitrag bemängelt der bereits genannte Thomas Strobl die Auszehrung des Begriffs der sozialen Marktwirtschaft durch seine politische Instrumentalisierung – nur um gleichzeitig selbst die Rückbesinnung auf eine wie auch immer geartete „Wahrheit“ der sozialen Marktwirtschaft zu fordern, repräsentiert in der verklärten Figur Ludwig Erhards.
Dass Kritik an dem, was gerne „Neoliberalismus“ genannt wird, in den 27 Artikeln dennoch eher selten zu finden ist, das mag im Falle der Frankfurter Allgemeinen niemanden überraschen. Wenn Strobl oder etwa der französische Autor Emmanuel Todd nichtsdestoweniger diesen Neoliberalismus und sein angebliches Regime für den Verlust der vormaligen Idylle sozialer Marktwirtschaft verantwortlich machen – während andere denselben nationalökonomischen Mythos als durch sozialistische Gleichmacherei unterhöhlt beschreiben und mit gewissem Recht darauf hinweisen, dass man von einem Versagen freier Märkte dort kaum sprechen könne, wo sie nicht existieren –, kann man diesen Mangel kaum vermissen. Todd ist gleichzeitig der einzige Autor des Bandes, der selbstbewusst für sich in Anspruch nimmt, „es“ immer schon gewusst zu haben. Vielleicht ist es einer stummen Zerknirschtheit zuzuschreiben, dass andere ihm darin nicht folgen, zumal die Vertreter der zuständigen Fachwissenschaft, die nicht eben mit prognostischer Zuverlässigkeit glänzten. Der Münchner Soziologe Armin Nassehi bemerkt dazu in seinem Beitrag:
Es wäre nun billig, zu behaupten, man habe es immer schon gewusst oder wenigstens wissen können – und selbst die Zitation entsprechender Auguren, die die Krise eindeutig und klar vorhergesehen haben, ist naiv. Solche Propheten gefunden zu haben ist ja nur ein Hinweis darauf, was in dieser Gesellschaft alles geredet wird: Es wird so viele und so Unterschiedliches prognostiziert, dass man post eventum stets und für alles eine richtige Prognose wird finden können. (75)
Politische Verantwortung
Besteht die Ursache der Finanz- und Wirtschaftskrise nun in einer sozialpolitisch motivierten expansiven Geldpolitik, in der hoffnungslosen Überschuldung der öffentlichen Haushalte, in planloser De- oder Fehlregulierung der Märkte oder schlicht in der Gier beteiligter Akteure? Hat sich der Staat zu wenig in das freie Wirken des Marktes eingemischt, oder hat er durch sein Verhalten dort erst jenes destruktive Potential erzeugt, welches schließlich auf ihn zurückfiel? Alle diese Positionen lassen sich mit Gründen vertreten, und sicherlich ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Menschen über die großen Fragen ihres individuellen und gemeinschaftlichen Lebens nicht einig werden. Kaum, dass Einigkeit darüber bestünde, worin die „Krise“ denn nun recht eigentlich besteht (geschweige denn, worauf sie zurückzuführen ist), so bleibt in jedem Fall vollkommen unklar, was aus ihr folgt und wie nun zu handeln ist – und das muss zu denken geben: Denn auf welche Gründe stützen sich Wissenschaftler, Wirtschaftsvertreter oder Politiker in ihrem Handeln bzw. Nichthandeln, wenn stets zu befürchten ist, dass es zugleich zur Ursache einer zukünftigen, möglicherweise heftigeren Krise werden könnte? Entscheidungen werden getroffen, Entscheidungen sind zu treffen, in Unabsehbarkeit und Unkenntnis ihrer Konsequenzen. Auch das ist im Grunde nichts Neues. Doch welche Bedeutung diese Tatsache für einen Begriff wie den der Verantwortung hat, das wäre zu fragen, bleibt aber ohne Antwort: Wie kann Verantwortung angesichts der Komplexität des politischen und ökonomischen Systems, angesichts der Komplexität menschlicher Lebensrealität überhaupt bestehen?
Gebende und nehmende Hand
Für größtes Aufsehen unter den Beiträgen der FAZ-Reihe sorgte im vergangenen Jahr der Artikel von Peter Sloterdijk, Die Revolution der gebenden Hand. Zumal manche seiner mit leichter Hand gestreuten Begriffe stießen bei zahlreichen Lesern – darunter auch Axel Honneth, dem amtierenden Sachstandsverwalter der Kritischen Theorie in Deutschland („fataler Tiefsinn“) – auf Empörung und lösten einen für den Zustand der Debatte bezeichnenden Sturm im publizistischen Wasserglas aus: Sloterdijk beschrieb unsere Wirtschaftsordnung in seinem Beitrag als organisierte „Kleptokratie“, sprach von einem „massenmedial animierten, steuerstaatlich zugreifenden Semi-Sozialismus“, und kennzeichnete den Staat unserer Gegenwart als „geldsaugendes und geldspeiendes Ungeheuer“. Wenn man ihm Glauben schenken darf, scheint ihn nichts mehr zu wundern als das Ausbleiben des „antifiskalischen Bürgerkriegs“ gegen diesen Steuer- und Schuldenstaat.
Was man Sloterdijk jedenfalls zu Gute halten muss, ist seine Unverdächtigkeit hinsichtlich des von Thomas Strobl diagnostizierten und praktizierten Kultes um die soziale Marktwirtschaft. Wenn Sloterdijk darüber hinaus eine „sozialpsychologische Neuerfindung“ der Gesellschaft einfordert (im Sinne einer „Revolution der gebenden Hand“), dann mag ihm das zwar keine Sympathien einbringen, doch kommt er darin dem möglicherweise vorhandenen Problem jedenfalls näher als jeder Grabträger des Kapitalismus. Denn weder mit einem längst abgestandenen Streit um das Wirtschaftssystem, noch mit einiger Stellschraubendreherei im politischen Feld kann es getan sein.
Die Natur der Krise
Vermeidet man es in „das alte Lied: Markt gegen Staat“ (Heiner Flassbeck) einzustimmen, und versucht man dennoch, sich ausgehend von dem in der Frankfurter Allgemeinen vorgetragenen Dickicht unverbundener, teils sich widersprechender, teils verblüffend idiosynkratischer Beiträge, einige Gedanken zu machen, könnte man zu einigen lohnenswerten und grundsätzlichen Ergebnissen gelangen.
Wenn man davon ausgeht, dass das Konzept der Marktwirtschaft auf dem Prinzip beruht, dass Menschen innerhalb sozialer Interaktionen (deren Raum eben mit dem Begriff „Markt“ metaphorisch umschrieben wird) grundsätzlich frei über sich bestimmen dürfen – und frei eben auch darüber entscheiden, ob und wie sie miteinander Handel treiben – dann ist doch erstaunlich, mit welcher Vehemenz Begriffe wie Wohlstand oder Gerechtigkeit ventiliert werden. Das Prinzip der Marktwirtschaft ist das der Freiheit, verstanden als Abwesenheit äußerer, zumal politisch bewirkter Hindernisse der Selbstbestimmung – und Selbstverantwortung – von Marktakteuren. Diese Freiheit mag zwar mit mehr oder weniger guten Argumenten beschränkt werden; dennoch gibt es wenig Anlass, sich darüber zu wundern, dass die Praxis der Marktwirtschaft etwa zu sozialer Ungleichheit führt oder auch zu Wohlstandsverlusten, das heißt zu Krisen. Marktwirtschaft dient eben nicht in erster Linie dem Zweck, solche unerwünschten Entwicklungen zu vermeiden. Sowohl radikalere Apologeten freier Märkte, wie auch die Befürworter einer stärkeren politischen Regelung der Wirtschaft aus sozialistischem Geiste, argumentieren allerdings gerne mit einer Verheißung: „Wohlstand für alle“. Wenn Märkte ihre Dynamik nur hinreichend frei von äußerem Zwang entfalten könnten bzw. wenn der auf Märkten erwirtschaftete Wohlstand nur sorgfältig auf alle verteilt würde, dann könnte es uns allen gut gehen. – Beide Argumente mögen zutreffen, doch beide instrumentalisieren das Konzept der Marktwirtschaft: Marktwirtschaft ist praktizierte Freiheit, aber keine Garantie für gemeinschaftlichen und partikularen Wohlstand. Es gibt schlicht keine Garantie dafür, dass Menschen, wenn sie frei von äußeren Zwängen agieren, sich im Sinne irgendeines „Gemeinwohls“ verhalten. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn der Kapitalismus – wie Dirk Baecker schreibt – als „Zumutung“ (31) empfunden wird: Er begünstigt die Zunahme von Pluralität und gesellschaftlicher Komplexität und führt so zu einer tendenziellen Überforderung jedes einzelnen Menschen angesichts der Unübersichtlichkeit und Kontingenz menschlicher Lebensumstände. – Die Marktwirtschaft gibt uns keine andere Garantie als die unserer Selbstbestimmung als ökonomischer Akteure.
Andererseits verbindet man den „Kapitalismus“ gerne mit Begriffen wie Wachstumsbesessenheit oder Materialismus. Solche Vorwürfe vermengen jedoch die Sphäre des Wirtschaftslebens mit der der Moral: Die Marktwirtschaft selbst garantiert nur ein Verfahren menschlicher Interaktion. Was innerhalb dieses Rahmens jedoch getrieben und gehandelt wird, das kontrolliert sie nicht. Kann man ihr das zum Vorwurf machen? Simon schreibt, Märkte seien „dumm, ungerecht und moralfrei“ (121), und meint damit: Wir mögen uns zwar an moralischen Verwerfungen stören, doch ist es nicht die Marktwirtschaft, die sie erzeugt, und entsprechend wäre es verfehlt, sie darum anzuklagen. Eine Therapie müsste also an der psychischen Verfassung unseres Gemeinwesens ansetzen. Materialismus, Konsumbesessenheit, Wachstumswahn … nichts spricht dafür, dass solche Phänomene nicht auch in einer nicht-kapitalistischen Wirtschaft auftreten würden, wie auch immer diese organisiert wäre (die Vision zu einer solchen Alternative fehlt uns ohnehin). Es handelt sich auch nicht um Phänomene, die etwa eine Spezialität rücksichtloser „Neoliberaler“ wären, sondern um ein Gemeingut, dass sich überall dort findet, wo materielles Besitztum und seine Vergrößerung über andere Qualitäten des Lebens gestellt werden – oftmals gerade auch dort, wo nach einem Mehr an Verteilungsgerechtigkeit gestrebt wird.
Wie die Demokratie ist auch die Marktwirtschaft kein autarkes, sich vollständig aus sich selbst regulierendes System. Natürlich nicht: Sie bedarf eines Ethos und der Verantwortung derer, die an ihrem System partizipieren. Und das ist eigentlich eine banale Erkenntnis. Umso erstaunlicher, dass man sie nicht oft genug vortragen kann.
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