
© Carl Hanser Verlag
Das Thema der prekären Situation des akademischen – insbesondere des geisteswissenschaftlichen – Nachwuchses zog sich in den letzten Monaten wie ein roter Faden durch die Feuilletons und Karriereseiten der großen Zeitungen. So schrieb Helmut Pape jüngst in der Zeit über die sklavenartige Ausbeutung von Privatdozenten an deutschen Hochschulen. Das manager magazin ermittelte in seinem Gehaltsreport Ende 2009, dass das Einstiegsgehalt von Geisteswissenschaftlern im Schnitt immer noch rund 8000 Euro geringer sei als das von vergleichbar qualifizierten Ingenieuren, Wirtschafts- und Naturwissenschaftlern. [1] Und Thomas H. Benton veröffentlichte in der Washingtoner Chronicle of Higher Education unter dem Titel The Big Lie About the ‘Life of the Mind’ einen sehr kritischen Kommentar zur Karrierevernichtungsmaschine Geisteswissenschaftliche Graduiertenschule: Sie produziere Individuen, die weder reelle Chancen auf eine wissenschaftliche Karriere noch auf eine Karriere in der freien Wirtschaft hätten. Der im Februar 2009 erschienene Roman Das Glück in glücksfernen Zeiten des in Frankfurt lebenden Schriftstellers und Büchner-Preisträgers Wilhelm Genazino, der von der Kritik fast ausschließlich mit Lob bedacht und vor kurzem mit dem Rinke-Preis ausgezeichnet wurde, ist in diesem Kontext deshalb so interessant, weil er das aktuell diskutierte Akademikerprekariat bereits thematisierte, als die Studierendenproteste des letzten Herbstes noch fern waren und sich die Medien noch nicht für die Misere des akademischen Mittelbaus interessierten.
Der Überqualifizierte – bisher ein von der Literatur wenig erfasstes Phänomen – findet sich in Gerhard Warlich, dem Hauptprotagonisten von Genazinos Roman, in prototypischer Weise verkörpert. Warlich, 41 Jahre alt, hat Philosophie studiert und über Heidegger promoviert, findet nach der Promotion jedoch keine Stelle an der Universität. Weil er das Geld dringend benötigt, bewirbt er sich als Wäscheausfahrer bei einer Großwäscherei. Dem Einwand des Wäschereibesitzers, dass er für diese Stelle doch hoffnungslos überqualifiziert sei, begegnet Warlich anfangs noch mit Humor: Überqualifiziert sei er zwar, deswegen aber doch nicht unfähig (S. 15). Warlich bekommt die Stelle und arbeitet sich bis zum Chefposten hoch. Zusammen mit Traudel, Filialleiterin einer Bank, bewohnt er eine „Dreieinhalbzimmerwohnung in einem ruhigen Mietshaus“ (S. 15), arrangiert sich also mit seinem intellektuell zwar wenig forderndem, aber finanziell abgesicherten Dasein als leitender Angestellter einer Großwäscherei. Denn Warlich ist nicht nur ein überqualifizierter, sondern auch ein überaus anpassungsfähiger und zudem sehr genügsamer Zeitgenosse.
„Wir leben in Zeiten großer Veränderungen. Aber wie steht es mit dem eigenen Wendepunkt? Wie geht es weiter, ganz persönlich?“, fragte der Journalist Wolf Lotter jüngst in der Aprilausgabe der brand eins, die den Schwerpunkt „Lebensplanung“ hatte. [2] Warlich versucht diese Frage jahrelang zu ignorieren, doch seine Wünsche „überleben“ ihre Nichterfüllung (S. 98), und schließlich nimmt sich auch die Psyche ihr Recht: Immer öfter kommt es vor, dass der Protagonist die Kontrolle über seine Handlungen verliert. So lässt er in einem Hotel, in dem er sich eigentlich aufhält, um die Dienste seiner Wäscherei anzubieten, vor einer versammelten Rentnerreisegruppe ein Stück Kuchen samt Teller zu Boden fallen und zertritt die heruntergefallenen Kuchenstücke. Einer alten Liebe, die Warlich in der Fußgängerzone wieder trifft, drückt er zum Abschied eine trockene Scheibe Brot in die Hand. Der ebenso unleugbare wie unkontrollierbare „Drang, zeigen zu müssen, dass ich nicht alles tue, was von mir erwartet werden kann“ (S. 55) kostet Warlich erst den Arbeitsplatz (er wird von seinem Chef während der Arbeitszeit als Zaungast einer Demonstration ertappt) und bringt ihn schließlich in eine psychiatrische Klinik.
Genazinos Roman hätte eine äußerst dröge Abrechnung mit dem globalisierten Arbeitsmarkt werden können – einem Arbeitsmarkt, der Arbeitskraft nach einer rigiden Kosten-Nutzen-Rechnung definiert und dabei Geisteswissenschaftler, die zwar hoch qualifiziert sind, jedoch in ihrem Studium vermeintlich keine wirtschaftsrelevanten Fertigkeiten erlernt haben, auf der Strecke lässt. Genau das ist der Roman jedoch nicht. Vielmehr unterzieht er Warlichs Lebens- und Arbeitskrise einem weiteren Reflexionsgang, welchen die aktuell so häufig gehörten Klagen über überqualifizierte und in äußerst prekären Beschäftigungsverhältnissen stehende Geisteswissenschaftler meist vermissen lassen: Warlichs Problem ist nicht, dass er im System „Arbeitsmarkt“ nicht den Platz erhält, der ihm als promoviertem Akademiker gebührt. Sein Problem ist vielmehr, dass seine Mitmenschen – allen voran seine Lebensgefährtin Traudel – von ihm erwarten, dass er sich in dieses System integriert, obwohl er es als falsch empfindet. Warlich kann sich – darauf spielt ja bereits sein Name an – trotz aller Bemühungen nicht dem Eindruck entziehen, dass mit den Glücksvorstellungen seiner Mitmenschen, die sich im Wesentlichen aus einer gesicherten Erwerbstätigkeit, Heirat und Familiengründung zusammensetzen, etwas nicht stimmt. Er wundert sich des Öfteren, dass die Anderen die „allgemeine Ödnis des Wirklichen“ (S. 9) anscheinend nicht bemerken oder jedenfalls nicht darüber reden, dass „wir alle mit der öffentlichen Armseligkeit so gut zurechtkommen“ (S. 9). Seiner Sehnsucht nach einem „zarteren Leben“ kommt er nur im Zustand der Verrücktheit nahe. Allein die psychiatrische Anstalt bietet Entlastung vom „Zwangsabonnement der Wirklichkeit“, wie Warlich sein Lebensgefühl einmal bezeichnet (S. 10), und so verwundert es nicht, dass er die Anstalt nach einer kurzen Eingewöhnungsphase nie mehr verlassen will.
Dass der Roman die aktuell so lebhaft geführte Debatte um den Nutzen der Geisteswissenschaften im Allgemeinen und der prekären Arbeitsmarktsituation für Geisteswissenschaftler im Besonderen mit der Frage nach dem „Glück in glücksfernen Zeiten“ koppelt, macht ihn so bemerkenswert. Wie bereits in Genazinos früheren Romanen, schleichen sich über die Schilderung des ganz normalen Alltags von ganz normalen, fast langweiligen Charakteren fast unmerklich so grundlegende Themen wie die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach Liebe, Sterblichkeit und Tod in das Bewusstsein des Lesers ein. Über dieses bewährte und häufig bewunderte Rezept Genazinos geht der aktuelle Roman jedoch noch hinaus. Denn mit der Figur des Warlich erschafft er einen Vorboten der Post-Arbeits- und Leistungsgesellschaft, einen ‚Überqualifizierten‘, der jedoch weder auf dem freien Arbeitsmarkt Karriere machen möchte, noch – man ahnt es – in einer akademischen Laufbahn sein Glück gefunden hätte. Wieder einmal fast unmerklich schleicht sich hier also die hoch brisante und deshalb in der öffentlichen Diskussion so selten gestellten Frage ein, wo denn das Glück zu finden sei, wenn man die erfolgreiche Etablierung am Arbeitsmarkt nicht mehr als Hauptschlüssel zu Selbstverwirklichung und Glück akzeptieren möchte und kann. Dass der Roman diese Frage verhandelt, ohne dabei jemals oberlehrerhaft zu wirken noch in den Jargon eines politischen Pamphlets zu verfallen, ist nicht zuletzt Genazinos virtuoser Erzähltechnik zu verdanken: Er macht Warlich nicht nur zum Hauptakteur, sondern auch zum Erzähler. Der Leser erfährt von seinen Erlebnissen also in der Ich-Form und kann sich damit weder von seiner Wahrnehmung noch von seiner schleichenden Verrücktheit empathielos distanzieren. Und so wird Warlich im Leseprozess zum Vertrauten, mehr und mehr erscheint nicht er, sondern seine Außenwelt als verrückt.
Ver-rücktsein als Aufbegehren gegen die „Suppe des Tages, in der wir alle schwimmen“ (S. 121) findet als literarisches Motiv und poetologisches Verfahren spätestens seit Shakespeares Erschaffung von Protagonisten wie Hamlet und König Lear rege Anwendung; es mag daher keine besonders originelle ästhetische Antwort auf das vom Roman aufgeworfene Problem der ‚glücksfernen Zeiten‘ darstellen. Im Falle Warlichs ist der Rückzug in die Verrücktheit jedoch auch eine Rebellion gegen ein System, in dem akademische Bildung kaum mehr mit Persönlichkeitsbildung assoziiert wird, sondern die Schaffung von leicht verwertbarem Humankapital – human resources – die öffentliche Diskussion dominiert. Mit seiner freiwilligen Entscheidung für die Psychiatrie entzieht sich Warlich dieser Verwertungsmaschinerie, er optiert für Selbst- und gegen Fremdbestimmung. Damit aber verkörpert er eine Haltung, die in der heutigen Arbeitswelt nicht die Regel, sondern eher eine Ausnahme darstellt. So diagnostiziert Wolf Lotter im oben bereits zitierten Artikel gerade der jüngeren Akademikergeneration, sich aus Angst vor der Konfrontation mit sich selbst kampflos den falschen Idealen des Arbeitsmarktes zu unterwerfen:
Darf man sich wirklich darüber beklagen, dass der Einstieg in die Angestelltenwelt so schwer ist, weil man sich gar nichts anderes vorstellen mag, sich nichts mehr wünscht, als möglichst schnell als „abhängig Beschäftigter“ zu landen? Ist das ein Ziel? Schlägt die Sehnsucht nach Fremdbestimmung das Nachdenken über sich selbst? Sticht das „Weiter so“ immer die Frage „Wie weiter“? [3]
Für Warlich ist ein „Weiter so“ nicht mehr möglich, und gerade das versetzt ihn am Ende des Buches in die Lage, tatsächlich eine „Art Glück“ zu empfinden: Das Glück, offenbar immer noch wählen zu können, „wie ich in Zukunft leben will“ (S. 158). Seine Verrücktheit ist in dieser Perspektive nicht als Resignation, sein Scheitern am Arbeitsmarkt nicht als Niederlage, sondern als Aufbegehren, als „Kampfmittel gegen den Mangel“ zu sehen, wie es Genazino in seiner viel beachteten Büchnerpreisrede von 2004 an Büchners Figuren beschreibt und bewundert. Mit der Figur des Warlich verweist er auf ein fast vergessenes Glück: Das Glück, wählen zu dürfen, das Glück der Selbstbestimmung.
- Quelle: http://www.manager-magazin.de/koepfe/karriere/0,2828,655444,00.html ↩
- Wolf Lotter, „Schöne Aussichten“, in: brand eins. Wirtschaftsmagazin 4 (2010) 50–58. ↩
- Wolf Lotter, „Schöne Aussichten“, in: brand eins. Wirtschaftsmagazin 4 (2010) 50–58, hier 55. ↩
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