
© Senator Film-Verleih
Waking up begins with saying am and now.” Und kaum war dieser Satz ausgesprochen, musste ich an die laufende Vorlesung des Münchner Germanistikprofessors Oliver Jahraus denken, die den Titel Gegenwart trägt. Dort wurde das Phänomen des Erwachens als Moment des Präsentischen beschrieben, weil dieser Vorgang genau zwei wesentliche, ja, ich bin hingerissen zu sagen: unhintergehbare Anschauungsformen, ins Feld führt. Bin ich erwacht, bin ich also in Raum und Zeit. Und diese Grundsätzlichkeit wird in dem Film A Single Man von Tom Ford gleich mal im ersten Satz konstatiert, der überhaupt fällt.
Ich bin stets die erste, die sagt: „Nein, bitte keine Voice-over!“ Denn in den meisten Fällen, in denen zur Voice-over gegriffen wird, wissen die Regisseure und Drehbuchschreiber einfach nicht, den metaphysischen Überbau anders zu bedienen. Das Gegenteil ist hier der Fall. Erst mit der Voice-over wird die entscheidende Distanz zwischen dem Außergewöhnlichen und dem Gewöhnlichen sichtbar. Wir begleiten also Colin Firth dabei, wie er zu George wird. Die reflektierende Stimme, die die Alltäglichkeit des Erwachens und der Morgentoilette begleitet, weiß um die Besonderheit dieses Tages im Gegensatz zum Körper, der ausschließlich in seinen alltäglichen Verhaltensweisen agiert. Ähnlich wie in American Beauty spricht hier einer, der bereits tot ist, der gerade nicht mehr in Raum und Zeit denkt, sondern schon außerhalb steht. Doch dabei soll es nicht bleiben, oder doch? Wie anders, als in einer Spiegelszene werden die beiden erst getrennten Georges wiedervereint – die Voice-over findet zu ihrem Körper zurück. Beachtenswert ist hier, dass sich aber die Stimme keineswegs einfach verliert, nein, Tom Ford ist raffinierter, er überführt das Wissen um die Nicht-Alltäglichkeit auf die Bildebene. Und so entsteht ein Film von überbordender Schönheit, der das Leben feiert ohne die Bodenhaftung zu verlieren, denn der Blickwinkel, aus dem heraus erzählt wird, ist zugleich des Lebens gegensätzliche, seine abgründigste Andersheit, ohne die sich all der Glanz als Schein entpuppen würde.
Mit der Gewissheit des Todes im Rücken kann nun diese Alltäglichkeit auf eine unglaublich perfekt durchgestylte, artifizielle Weise inszeniert werden, eine Weise die einem wahrlich die Augen übergehen lässt. Ich saß im Kinosessel und sehe Colin Firth zu, wie er in the mood for love an diesem so wunderbar hellblonden jungen Mädchen vorbeifährt und genieße diese Slow Motion noch jetzt, in diesem Moment. Wong Kar-wai hatte mit Blue Berry Nights versucht, seine Filmkunst nach Amerika zu bringen. Das Ergebnis war enttäuschend und zog eine, wie mir nun scheint, vorschnelle Schlussfolgerung nach sich, nämlich das Kino Wong Kar-wais samt seiner schweren, und vor allem wunderschönen Melancholie ausschließlich in Asien und seinen Menschen zu verorten. Und einerseits stimmt das natürlich: Wong Kar-wai, seine Filme und seine unverkennbaren Figuren – ich liebe Chow Mo-wan – sind einzigartig, aber andererseits hat Tom Ford nun das Gegenteil bewiesen. Nie habe ich einen Mann schöner rauchen sehen, wie hier. Und doch habe ich niemals eine Frau schöner rauchen sehen, als in 2046 zur Casta-Diva-Arie. Beide auf ihre Weise ähnlich und doch ist Carlos kein billiger Abklatsch. Wenn man so will, hat Tom Ford einen Weg gefunden, Wong Kar-wai nach Amerika zu holen – nicht umsonst steuert auch Wongs Hauskomponist Shigeru Umebayashi einige Melodien zum Soundtrack von A Single Man bei –, ohne aber China gleich mitzubringen, oder anders gesagt: er hat einen höchst amerikanischen Film gemacht. Die Figur Charley (von Julianne Moore grandios gespielt) lässt daran keinen Zweifel.

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Was für eine schöne Vorstellung das doch ist: Schönheit in der meist so unerträglich eingefahrenen Alltäglichkeit zu finden. Aber George erfüllt alle Voraussetzungen, nein, die eine wesentliche für die Realisierung dieser vermeintlichen Utopie: Er hat seinen Tod beschlossen oder sogar bereits hinter sich, denkt man zurück an den Einsatz der Voice-over. Er verlebt seinen letzten Tag. Mehr noch: die traumartigen Einstellungen lassen vermuten, dass es vielleicht sogar der letzte Film ist, der vor den Augen abläuft, bevor man das Bewusstsein endgültig verliert. Die Todesnähe lässt George einen Tag erleben, der wahrscheinlich besser ist, als all die gemeinsamen Jahre mit Jim, seiner verunglückten, großen Liebe, zusammen – sogar die Eule der Minerva schaut vorbei. Spätestens in diesem Moment hat das auch George verstanden, beschließt seinen Selbstmord zumindest zu verschieben und verbrennt seine Abschiedsbriefe.
Was wäre aber das Ereignis ohne eine überraschende Wende? Was wäre das Außergewöhnliche, das Nicht-Alltägliche ohne das Plötzliche? George bekommt abrupt einen Herzinfarkt und stirbt. Und obwohl all diese Überlegungen bereits in meinem Kopf umher schwirrten, ich genau wusste, dass George sterben muss, trifft mich der Schock völlig unvorbereitet. Tief traurig, den Schrecken in den Gliedern, sitze ich im Kinosessel und denke an den Anfang. Tom Ford inszeniert ein filmisches Ereignis. Er bejubelt das Leben auf dem Grunde des größtmöglichen Schreckens. Raum und Zeit werden fast unmerklich sprachlich gesetzt, um mit einer Eleganz und Souveränität überschritten zu werden, die die Radikalität eines Gaspar Noé todschick im Regen stehen lässt.
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