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Quelle: http://phainomena.de/2010/05/20/im-exil-der-sprache

Im Exil der Sprache

Die Paradoxie von Javier Marías’ Roman „Dein Gesicht morgen“

Von Tom Wellmann am 20. Mai 2010 ·  Essay

Marías - Dein Gesicht morgen

© Klett-Cotta

Nachdem dieses Jahr der dritte Teil von Javier Marias’ Großroman Dein Gesicht morgen auf Deutsch erschienen ist, ist das Werk vielerorts noch einmal als Gesamtkunstwerk gewürdigt worden. Wie selbstverständlich wird da Marías als der „bedeutendste spanische Schriftsteller der Gegenwart“ und der Roman als ein „Meisterwerk“ bezeichnet. Die Virtuosität des Erzählens, der Reichtum an bestrickenden Aperçus und pointierten Stellungnahmen, die Brillanz der Sprache, die Tiefe und die gleichzeitige Leichtigkeit des Textes, der Ernst und der Humor seines Autors, sein Spiel mit Formen und Vorgängern: All diese literarischen Qualitäten haben die Rezensenten von Dein Gesicht morgen zu Recht in Entzückung versetzt und werden dies bestimmt mit vielen weiteren Lesern tun; ich will ihre Aufzählung hier nicht wiederholen, denn von der tatsächlichen Fülle dieses „literarischen Nachdenkens“ (pensamiento literario, wie Marías selbst seine Technik benennt), wird man so doch kaum eine Ahnung bekommen.

Schweig, und rette dich so

Die ‚Geschichte‘, die auf 1700 Seiten erzählt wird, lässt sich leicht in drei Sätzen zusammenfassen: Der Madrilene Jaime Deza geht nach der Trennung von Frau und Kindern in London einer langweiligen Arbeit nach, bis ihn sein Freund, der alte Oxford-Professor Sir Peter Wheeler, an eine obskure, namenlose „Gruppe“ vermittelt, die insgesamt wohl dem MI6 untersteht, deren Auftraggeber jedoch wechseln, und die von Bertram Tupra geleitet wird, ein ebenso rätselhafter wie weltmännisch versierter und intelligenter Macher mit einem kühlen, bisweilen zynischen Realismus. Die Aufgabe der „Gruppe“ ist das Lesen und Interpretieren von Menschen, das Durchdringen von Persönlichkeiten und die Aufdeckung ihrer innersten Antriebe. Als Jaime nach wenigen Monaten langsam von der kalkulierenden Brutalität Tupras angesteckt wird, beendet er diese Tätigkeit und kehrt in seine Heimat Madrid zurück. Das sind im Großen und Ganzen die Geschehnisse.

Was mich hier dazu veranlasst, über Dein Gesicht morgen zu schreiben, das ist die paradoxe Grundverfassung dieses Werkes, das mit folgenden Worten beginnt:

Man sollte niemals etwas erzählen noch Angaben machen oder Geschichten beisteuern oder Anlaß dazu geben, daß die Leute sich an Menschen erinnern, die niemals existiert, die niemals ihren Fuß auf die Erde gesetzt oder die Welt durchschritten haben oder wohl gewesen sind, aber sich bereits halbwegs in Sicherheit befanden im unvollkommenen, ungewissen Vergessen.

Einen 1700-Seiten-Roman auf diese Weise anzufangen, zeugt freilich von einem gewissen Aberwitz. Doch ist diese Aufforderung oder Mahnung oder wie man es auch immer nennen mag kein leerer Kunstgriff, sondern durchzieht als Thema und Motiv den gesamten Text. Ständig wiederholt der Erzähler die Sätze, die diese Paradoxie auf die Spitze treiben: „Schweig, und rette dich so. Schon immer geschwiegen haben, das ist das Ziel der Welt.“ Oder: „Schweigen, schweigen, das ist das hohe Ziel, das niemand erreicht, nicht einmal nach seinem Tod“. Solange wir sprechen und erzählen – und wir sprechen bekanntlich immer – verfehlen wir also dieses „hohe Ziel“, tun wir etwas, was wir eigentlich nicht tun sollten und entfernen die Welt von ihrem Ziel, an das man sie ohnehin niemals wird annähern können. Was können wir anfangen mit dieser seltsamen Auffassung vom Sprechen der Menschen?

Das Sprechen als eine einzige Digression

Die Geschichte von Jaime Deza liest sich wie eine eindringliche Illustration dieser anscheinend grundsätzlichen Problematik. Er tritt uns niemals anders denn als Sprecher und Erzähler gegenüber, und zwar als ein solcher, der kein Schweigen kennt, sondern der jeden Gedanken und jede Assoziation gnadenlos ausspricht und durchführt. Es ist, als wäre diese ins Extreme gesteigerte Form des Sprechens, ja, beinahe könnte man sagen: dieses totale Erzählen, eben das, was er vor allem suchen und anstreben würde. Bis auf den Schlussteil des dritten Bandes befindet sich Jaime nicht da, wo er herkommt und wo er hin möchte: Nicht in Madrid, nicht bei Luisa und den gemeinsamen Kindern. Sein Aufenthalt in England wird von ihm selbst als Verbannung und als Exil empfunden und bezeichnet. Die erzählte Zeit des Buches ist nichts als eine Zwischenzeit, die nicht wirklich zählt, keine Zeit im vollen Sinne. Für Jaime geschieht das, was in der Fremde geschieht, nicht in der Weise wirklich wie das, was zuhause geschieht. Wie Dinge, die von einem Fremden erzählt werden, weniger wirklich sind als die, die wir von einem Vertrauten hören. Auch das Sprechen in einer Fremdsprache, wie gut man sie auch beherrschen mag, sorgt immer für einen leichten Wirklichkeitsverlust, ein gewisses Entzugsmoment, das die Gedanken des Protagonisten wieder und wieder umkreisen.

Und dennoch: Jaime lebt und arbeitet in London. Sein Beruf: Menschen einschätzen und beurteilen. Könnte er jemals töten? Könnte sie jemals Verrat begehen? Kann man ihm bedingungslos vertrauen? Was es dabei niemals geben darf: Ein „Ich weiß nicht“, ein „Das war’s, was mir aufgefallen ist.“ Lange Erklärungen, ausschweifend, spekulativ, aber bestimmend („Er könnte töten!“), werden aufgenommen mit den Worten: „Was noch? Was ist dir noch aufgefallen?“ Das Wesentliche dieser Arbeit liegt darin, die Interpretationen stets ohne Scheu bis zum äußersten Punkt, bis zu einer definitiven Beurteilung zu treiben. Das Schwierige dabei ist, dass Jaime niemals weiß, wer sein Auftraggeber ist, und was dieser mit seinen Berichten anfangen wird. Gut möglich, dass seine Meinung einst Anlass für ein Verbrechen sein wird, ohne, dass er selbst etwas davon erfährt. So aber wird es irgendwann sicherlich kommen.

Das ist nun zugespitzt dasjenige, was überhaupt das größte Problem beim Sprechen und beim Erzählen zu sein scheint: Man weiß niemals, was daraus wird, hat keine Kontrolle über die Konsequenzen. Was, fragt Jaime, bedeutet schon Vertrauen, angesichts der Windungen des Lebens, bei denen etwas Gesagtes seine korrumpierende, beleidigende oder zerstörerische Wirkung mitunter erst nach jahrzehntelanger Inkubationszeit erhält? So ist das Schweigen das einzige, was Rettung davor verspricht, sich und den Anderen fortwährend Schmerz oder Schlimmeres zuzufügen. Der nach England verbannte Jaime zeigt den Menschen, wie er sich im Exil der Sprache befindet, mit der er alles so, aber auch anders interpretieren kann, und so über die Wirklichkeit von Vergangenem und Zukünftigen entscheidet, als wäre es für sich gar nicht wirklich. Jaimes ewige Abschweifungen beim Erzählen sind in Wahrheit gar keine, wenn das Sprechen überhaupt nicht mehr als eine einzige Digression ist.

Warum also diese 1700 Seiten da, wo es zuletzt nur darum geht, sich auf die Zunge zu beißen und zu schweigen? Möglicherweise ließe es sich verstehen, wenn wir das Schweigen nicht als ein totes Vakuum bar jeglichen Verlautens begreifen; vielmehr muss doch auch das Schweigen selbst zum Sprechen gehören, oder eher umgekehrt, das Sprechen zum Schweigen. Die Gegensätze Schweigen und Sprechen leben auseinander, indem das eine ist, zehrt es vom anderen, um es mit einer Denkfigur Heraklits zu sagen, wie das Schlafen aus dem Wachen und umgekehrt. Der erste Band von Dein Gesicht morgen trägt den Untertitel Fieber und Lanze, und gibt damit ein Schlüsselwort des gesamten Romans. Das Sprach-Fieber ist die Überhitzung, die, einfach gesagt, die bösen Geister vertreiben soll, die quält, und die dabei Geschichten, Fieberphantasien entstehen lässt. Dass Jaime und der Leser es durchstehen und gemeinsam die schlimmsten Folgen des Sprechens erleben, mag letztlich vielleicht dazu bringen, wenigstens kleine Teilerfolge zu erringen, indem man einfach gelegentlich das, was einem auf der Zunge liegt, hinunterschluckt.

Javier Marías, Dein Gesicht morgen.
Teil 1: Fieber und Lanze, Stuttgart 2004.
Teil 2: Tanz und Traum, Stuttgart 2006.
Teil 3: Gift und Schatten und Abschied, Stuttgart 2010.

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