Es versteht sich von selbst, dass jede Bildungspolitik immer auch mit der Entwicklung der Arbeitswelt im Einklang stehen muss. Das erklärte Ziel von Bund und Ländern, dass im Bundesdurchschnitt 40 Prozent eines Jahrgangs ein akademisches Studium aufnehmen sollen, [1] verweist also eo ipso auf die Frage, welche Vorstellung von den künftigen Herausforderungen am Arbeitsmarkt diesem Beschluss überhaupt zugrunde liegt. In diesem Zusammenhang ist viel von der „Wissensgesellschaft“ die Rede, die es auch in Deutschland, herausgefordert durch einen „erbarmungslosen globalen Wettbewerb“, zu stärken gilt und mit einer zunehmenden Technisierung und Verwissenschaftlichung des Lebens einhergeht. Dass Bildung, zumal akademische Bildung, in einer solchen „Wissensgesellschaft“ vonnöten ist und mithin die Erhöhung der Studienanfänger-Quote, um das Land „konkurrenzfähig“ zu machen, kann demnach kaum bezweifelt werden.
Die Zweifel fangen jedoch dort an, wo der Begriff der „Wissensgesellschaft“ fragwürdig wird; ist dieser überhaupt in der Lage, die aktuellen und künftigen Transformationen der Arbeitswelt angemessen zu beschreiben? Was für ein Wissen ist eigentlich gemeint? Und welche Rolle spielen die anderen ausgeschlossenen Wissensformen? – Der Princeton-Ökonom Alan S. Blinder zeigt in seinem Essay Offshoring: The Next Industrial Revolution? [2], dass unter den Bedingungen der Globalisierung und des Informationszeitalters die Chancen auf dem Arbeitsmarkt in Zukunft mitnichten von der Unterscheidung gut ausgebildet/schlecht ausgebildet bestimmt werden, was eine einfache Überlegung deutlich macht: Hausmeister und Taxifahrer gehören in der allgemeinen Wahrnehmung zu den „schlechten Jobs“, weil sie keiner höheren Ausbildung bedürfen und mäßig bezahlt werden, während Programmierer und Radiologen zu den „besseren Jobs“ zählen und ein aufwendiges Studium erfordern. Durch die neuen Möglichkeiten der Informationsübertragung werden letztgenannte Jobs jedoch mehr und mehr nach Indien und China ausgelagert (offshoring); für solche Berufe, die auf elektronischem Weg delegierbar [3] sind, gerät der Arbeitsmarkt in Nordamerika und Europa folglich enorm unter Druck. Hausmeister und Taxifahrer indes werden nach wie vor und in gleichem Maße gebraucht.
In the brave new world of globalized electronic commerce, impersonal services have more in common with manufactured goods that can be put in boxes than they do with personal services. Thus, many impersonal services are destined to become tradable and therefore vulnerable to offshoring. [4]
Es kommt, so Blinder, nicht mehr so sehr darauf an, wie gut und lange man ausgebildet ist, sondern in welcher Richtung. Vermutlich werden personal services, das sind Berufe, die eine korporale Präsenz des Ausübenden voraussetzen (zum Beispiel Erzieher, Klempner, Piloten, überhaupt die meisten Handwerker), im Zuge des offshoring eine beträchtliche Aufwertung erfahren, während impersonal services (zum Beispiel Buchhalter, Programmierer, bestimmte medizinische und juristische Berufsgruppen) drastisch an Bedeutung verlieren könnten. Auch der Charakter der Berufsausübung wird sich wahrscheinlich in vielen Branchen verändern: Handwerksberufe werden vielseitiger und anspruchsvoller, andere, die eine jahrelange Universitätsausbildung hinter sich gebracht haben, versauern schlecht bezahlt in trostlosen Großraumbüros.
Wer von der Politik verführt einen universitären Abschluss anstrebt, erlebt möglicherweise später sein blaues Wunder. Die neue den Arbeitsmarkt beherrschende Unterscheidung personal service/impersonal service korrespondiert laut Blinder eben nicht mit der Unterscheidung gut ausgebildet/schlecht ausgebildet, da im Zuge fortschreitender Technisierung immer mehr „Wissensberufe“ keine korporale Präsenz mehr voraussetzen und dem offshoring anheim zu fallen drohen. Dabei ist kaum vorherzusehen, welche Berufe künftig durch die Entwicklung der elektronischen Datenübertragung und neuer sozialer Anforderungen allererst zu impersonal services werden. Der Umbau Deutschlands zu einer „Wissensgesellschaft“ geht also mit der realistischen Gefahr einher, entgegen der ursprünglichen Absicht zu einer Depravation des Landes zu führen.
Es kommt alles darauf an, was wir unter Wissen verstehen: nicht funktionales Wissen allein, sondern auch persönliche Weisheit, nicht nur Erfahrung mit Methoden und Prozessen, sondern auch mit den handgreiflichen Dingen des Lebens – dies ist im Grunde das alte Wissen des Handwerkers. Eine Gesellschaft, die sich darauf besinnt, dürfte am besten gegen die Unbill der Globalisierung gewappnet sein. Der Anstoß zu diesem Paradigmenwechsel, so Eduard Kaeser, kann aber nur aus „dem Reservoir der Unangepassten“ stammen, „der einfallsreichen, unternehmerischen, künstlerischen, exzentrischen Leute, die gleichsam die Artenvielfalt der Arbeit zu bereichern wissen.“ [5]
Gebildete Handwerker oder handwerkende Gebildete: Kündigt sich in einer solchen Kreuzung womöglich der Homo faber der Zukunft an? Schon einmal, in den Ateliers, Werkstätten und Arsenalen der Renaissance, brach mit diesem Typus eine neue Ära an. Vorerst handelt es sich um eine Randerscheinung von schrägen Vögeln, intellektuellen Bohemiens, kreativen Eliteverweigerern. Aber die Zukunft bricht da herein, wo man sie nicht erwartet. [6]
- Vgl. Beschluss des Bildungsgipfels „Aufstieg durch Bildung. Die Qualifizierungsinitiative für Deutschland“, 12: „Gemeinsames Ziel von Bund und Ländern ist es, die Studienanfängerquote im Bundesdurchschnitt auf 40 Prozent eines Jahrgangs zu steigern.“ ↩
- Alan S. Blinder, Offshoring: The Next Industrial Revolution?, in: Foreign Affairs 85/2 (2006), 113–128. – Blinder wird auch in dem erstaunlichen Buch von Matthew B. Crawford zitiert: Shop Class as Soulcraft. An Inquiry into the Value of Work, New York 2009. Die jüngst bei Ullstein erschienene deutsche Übersetzung trägt den schwachsinnigen Titel Ich schraube, also bin ich. ↩
- Vgl. auch Eduard Kaeser, Hand anlegen! Von der immateriellen zur materiellen Ökonomie, in: Merkur 2 (2010), 168–172, hier 169 f. ↩
- Alan S. Blinder, Offshoring: The Next Industrial Revolution?, in: Foreign Affairs 85/2 (2006), 113–128, hier 120. ↩
- Eduard Kaeser, Hand anlegen! Von der immateriellen zur materiellen Ökonomie, in: Merkur 2 (2010), 168–172, hier 171. ↩
- Eduard Kaeser, Hand anlegen! Von der immateriellen zur materiellen Ökonomie, in: Merkur 2 (2010), 168–172, hier 172. ↩
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