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Quelle: http://phainomena.de/2010/05/01/lauter-kleine-blaue-wunder

Lauter kleine blaue Wunder

Johann Sebastian Bachs Suiten für Violoncello solo

Von Michael Preis am 1. Mai 2010 ·  Rezension

violoncello

Foto: pheanix300 (cc-by)

Mstislaw Rostropowitsch gilt vielen Freunden ‚klassischer’ Musik als legitimer Nachfolger von Pablo Casals. Beide gehören zu den prägenden Cellisten ihrer Generation. Beide waren darüber hinaus als Dirigenten erfolgreich, Rostropowitsch zudem als Liedbegleiter, Casals auch als Komponist. Beide waren aufgrund ihrer politischen Widerspenstigkeit den offizielleren Vertretern ihrer jeweiligen Nation eher ungeliebte Patrioten. Beide verstanden sich als Botschafter eines politischen Humanismus. Beide glaubten an Bach und seine Cellosuiten, mit dem Unterschied allerdings, dass Pablo Casals von sich behaupten konnte, er habe sie in einem Antiquariat irgendwo in Spanien noch persönlich ausgegraben.

Insofern ist Rostropowitsch, oder Slawa, wie er von seinen Freunden genannt werden wollte, ein später Prophet. Was Casals entdeckte, um es später zu verfechten, hat Rostropowitsch nur wieder aufgenommen. Als er dann, mit annähernd 70 Jahren, seinen ganzen Mut zusammennahm, um seine Interpretation der Suiten endlich in einer Gesamteinspielung zu Markte zu tragen, war zu erwarten, dass das Medienecho laut sein würde, hatte der politische Instrumentalist doch einige Jahre vorher den Fall der Berliner Mauer in einer „seltsame[n] Mischung aus großer PR-Geste und grandioser humanistischer Umarmung“ [1] zu einer spontanen Bach-Vorführung genutzt.

Es ist fünfzehn Jahre her, dass die Gesamteinspielung der sechs Bachschen Suiten für Violoncello solo von Mstislaw Rostropowitsch erschienen ist. Mit damals dreizehn Jahren wäre ich für den pathetischen Aspekt des Mauerfallspektakels vermutlich wenig empfänglich gewesen. Ich wusste vor allem, dass Rostropowitsch groß war, wie man sagte, und seine Bach-Einspielung ein Ereignis. Deshalb erstand ich sie gleich bei ihrem Erscheinen zum Höchstpreis von knapp 80 DM, wie man das eben so tut, wenn man dreizehn ist, und in der Pubertät. Außerdem hatte man mir die Bibel versprochen. Bachs Cellosuiten seien das Werk der Werke für ihr Instrument. Danach komme lange nichts, vielleicht die Haydn-Konzerte, in jedem Fall aber danach die Beethoven-Sonaten.

Als ich einige Jahre später dabei war, meine ersten musikwissenschaftlichen Proseminarscheine zu erwerben, hatte ich von meinem damaligen Professor mehrfach eingeschärft bekommen, dass das Werk nicht in den Noten liege, sondern in der je konkreten Aufführung. Zur Not täten es aber auch CDs. Tatsächlich ist es gerade bei einem so häufig eingespielten Werk wie den Bachsuiten frappierend, welche Unterschiede in den musikalischen Ausdeutungen eines singulären Notentextes liegen können. Nicht, dass man die Suiten nicht jeweils wieder erkennen würde. Aber würde jemand versuchen wollen, die unterschiedlichen Interpretationen als Übung für ein Phrasierungs- und Artikulationsdiktat zu verwenden, er würde entweder allmählich verzweifeln oder aber mit dem Bleistift in der einen und dem Radiergummi in der anderen Hand lauter kleine blaue Wunder erleben.

Im Lauf der Jahre habe ich mir unter Berücksichtigung von Wühltisch-, Restbestands- und Mangelware-Angeboten eine Reihe weiterer Bachsuiten-Aufnahmen angeschafft. Heute stehen in meinem Regal die Einspielungen von Rostropowitsch, Casals, Starker, die aktuellere von Maisky sowie die Aufnahme von Müller-Schott und neuerdings Queyras, außerdem kenne ich die von Schiff und du Pré. Keine Aufnahme gleicht der anderen. Jeder der Interpreten gibt seinem Bach eine ganz persönliche Note. Eine grundsätzliche Tendenz allerdings lässt sich trotzdem festhalten und auf alle gemeinsam beziehen: Nach den musikästhetischen Entwicklungen der historischen Aufführungspraxis ist man versucht, schon nach einigem Hinhören kurzen Prozess zu machen mit manchen, deren Ton nach großer Mühe klingt – und nicht nach leichter Fertigkeit. Allein deswegen wäre mir Rostropowitsch heute das Geld nicht mehr wert, das ich vor Jahren noch gläubig investiert habe.

Rostropowitschs Stärke liegt in den langen romantischen Bögen. Seine Aufnahmen der Sololiteratur von Schumann und Brahms über Saint-Saëns, Dvorak, Respighi und Tschaikowski bis hin zu den moderneren Britten, Prokofjew und Schostakowitsch werden in ihrem langen Atem so leicht nicht zu überbieten sein. Ob man seinen Bach allerdings deswegen gleichermaßen gerne hören mag, sei nicht nur dahingestellt. Bachs Musik hat mehr verdient als Slawas brachialen Zugriff. Wodurch auch immer man es begründen mag, Kommerzinstinkt, Pathossucht oder Alterssentimentalität, die Bach-Einspielung von Mstislaw Rostropowitsch verspricht mit einigem Aufwand mehr, als sie am Ende halten kann.

Die Intonation ist zu oft trüb, die Bogenwechsel gleich zum Einstieg schlichtweg schlampig, und die immer wieder zu hörende mangelnde Klangbalance auf den unterschiedlichen Saiten nicht allein mit dem Willen zu erklären Bachs linearer Polyphonie durch engagierte Klangfarbendynamik zu ihrem vollen Recht zu verhelfen. Sicher wird man auch Casals nicht ganz freisprechen können von der einen oder anderen spätromantischen Grobschlächtigkeit. Was seinen Bach allerdings auszeichnet, ist der Phrasierungssinn, der nicht mehr einem heutigen Bachverständnis entsprechen mag, in sich aber, im Gegensatz zu Rostropowitschs manchmal einigermaßen unmotivierten Gestaltungsgesten, schlüssig und überzeugend klingt. Zwar kann man durchaus argumentieren, dass Rostropowitsch mit der Wahl der romanischen Kathedrale von Vézelay als Aufnahmeort zugleich eine Entscheidung bezüglich klanglicher Dimensionen getroffen hat. Aber so ganz scheint mir die Bauart der Bachschen Suiten nicht in eins zu gehen mit der großräumigen Architektur, in der Rostropowitsch die Suiten vorgetragen hat.

Auch die Einspielungen von Jacqueline du Pré und Mischa Maisky sind nicht das, was man stilhermeneutisch taktvoll nennen würde. Es gibt viel Persönlichkeit zu hören. Das kann gefallen oder nicht. Du Pré, deren Elgar ich für unübertroffen und deren Dvorak ich für großartig halte, kratzt mir bei Bach einfach zu viel. Maisky raspelt Süßholz, dass die Späne fliegen. Der Stilwille seiner Interpretationen überwindet die historische Signatur des Komponisten. Aber wer wie Maisky nicht nur die eigenen Locken frisiert und für die eigene Laufbahn weiter Pläne schmiedet, sondern als einer der führenden Cellisten seiner Generation auch um das Wohl der noch nicht so berühmten Kollegen besorgt ist, muss schließlich Schneisen schlagen und Wege bereiten. Dann vielleicht wird sein Empfinden ihm Recht gegeben haben: „Wir [Cellisten] sind heute schon viel berühmter als wir es in der Vergangenheit waren, und ich spüre, dass sich dies im positiven Sinne weiterentwickelt.“ [2]

Es versteht sich, dass zur Klassik-Szene der Medienzirkus genauso gehört wie der sportliche Aspekt, das Virtuosentum und der damit jeweils verbundene Star- und Persönlichkeitskult. Aber müssen darum alle zu allem schwätzen und es auch noch mit großem Getöse auf CD verewigen? Nein, es tut schließlich nicht jeder. Wer das Geld braucht, soll Bach aufführen, wenn es ihm über die Runden hilft. Aber wieso spielt, wer mit dem Privatjet zum Checkpoint Charlie fliegt, um auf den Trümmern des Kalten Krieges mit der Macht der Musik zu spielen, ein paar Jahre später eine Gesamtaufnahme der Bachsuiten ein, auf deren Cover der ausführende Cellist sich durch die Unterschrift Salvador Dalis, seines Porträtisten, rückversichern lassen muss, dass die Einspielung einlöse, was sie verheißt: ein Ereignis?

Wer sich von diesem Bach nicht nur berieseln lassen möchte, sollte sich vom imposanten Coverdesign und der aufwändigen Beiheftgestaltung zur Bach-Aufnahme nicht blenden lassen. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, wenn auch der große Klang und etwa die Einspielung der D-Dur-Suite in ihrer leuchtenden Tongebung für manche vorhergehende Enttäuschung entschädigen mögen. Rostropowitschs Bach zählt nicht zu seinen Referenzaufnahmen. Casals lässt sich nicht nur aus audiophil-historischer Zuneigung schon eher empfehlen. Auch die stärker barockisierenden Einspielungen von Schiff und Müller-Schott lohnen sich, Janos Starkers legendäre Aufnahme sowieso.

Die allererste Wahl allerdings dürfte heute der grandiosen Aufnahme von Jean-Guihen Queyras gelten, die in instrumentaltechnischer ebenso wie in aufführungspraktischer Hinsicht besticht. Queyras’ Esprit übertrifft alle oben genannten Einspielungen. Bei keiner gehen historisches Stilverständnis und Phrasierungswille derart schnörkellos in eins wie bei Queyras. Schwerlich wird bei gleicher klanglicher Intensität und ausgeformter Artikulation eine ähnliche Leichtigkeit der Bogenführung zu hören sein. Wer Bach interpretieren will, braucht eine spielerische Intelligenz und ein waches Ohr für die Harmonie in der Horizontalen, er muss seiner Affekte mächtig sein und dabei gelegentlich scharf nachdenken können. Dass diese Postulate keine leeren Normen sind, lässt sich an der Einspielung von Jean-Guihen Queyras ganz besonders gut belegen.

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