Heute vornehmlich als Dada-Protagonist bekannt und zugleich erster Dada-Renegat, machte sich Hugo Ball vor beinahe hundert Jahren daran, die Deutschen und ihre staatsfetischistischen Neigungen mit wohldosiertem Anarchismus zu therapieren – ohne Erfolg. Nun ist sein fragmentarisches Bakunin-Brevier als vierter Band der Sämtlichen Werke und Briefe Balls, herausgegeben von Hans Burkhard Schlichting, erstmals erschienen. Weit mehr als eine Lücke in der deutschen Rezeptionsgeschichte Bakunins ist dem interessierten Publikum damit endlich eine Lücke in Werk und Denken Balls geschlossen.
Während des Krieges, in den Jahren von 1915 bis 1918, arbeitete Hugo Ball über Michail Bakunin, den revolutionären Konspirateur und persönlichen Gegner von Karl Marx, dessen Schriften bis zum heutigen Tag nicht vollständig in deutscher Sprache erhältlich sind. Die seinerzeit noch weit trostlosere Publikationslage wurde Ball zum Anlass, ein Brevier zu verfassen, welches in deutscher Sprache Texte von und über Bakunin zu einem Lebensbild des schillernden Ahnherren des Anarchismus vereinigen sollte. Doch nachdem sich die letzten Aussichten, das Werk bei einem deutschsprachigen Verlag publizieren zu können, im letzten Kriegsjahr zerschlugen, beendete Ball diese Arbeit. Lediglich zwei Teile, die Bakunins Leben chronologisch von der Geburt im Jahr 1814 bis ins Jahr 1866 beschreiben, sind im Manuskript erhalten.
Balls Arbeit am Bakunin-Brevier
Zunächst wie viele seiner Landsleute mit Begeisterung auf den Kriegsausbruch reagierend, sieht sich Ball spätestens nach einem Besuch an der Front desillusioniert. Noch vor seiner Emigration in die Schweiz, im ersten Kriegswinter, sind es verschiedene Lektüren und Begegnungen, die ihn zur Beschäftigung mit dem Anarchismus anregen – als Gegengift zum religiös verbrämten, militaristisch-obrigkeitsstaatlichen Charakter der Hohenzollernmonarchie: die persönliche Begegnung mit Gustav Landauer, die Lektüre der Biographien Bakunins und des Grafen Kropotkin, schließlich – ironischerweise – eine Inspiration durch Dmitrij Merežkovskij, dessen scharfe Ablehnung des Anarchismus Ball zu dieser Zeit nicht bekannt ist. Es ist jedoch erst der Kontakt mit dem schweizer Anarchosyndikalisten Fritz Brupbacher, der es Ball ab 1915 ermöglicht, intensive Studien über Bakunin aufzunehmen. Brupbacher kannte nicht nur den Editor der ersten, sechsbändigen französischen Werkausgabe und den Urvater des schweizer Anarchismus, James Guillaume, noch persönlich. Er gewährte Ball zudem Zugang zu seiner Bibliothek, lieh ihm Bücher, darunter die Œuvres Bakunins und eines der wenigen handschriftlich kopierten Exemplare von Max Nettlaus Bakunin-Biographie. In seinem Brevier bedient sich Ball großzügig dieser Quellen, übersetzt mehrere Texte Bakunins ins Deutsche oder übernimmt sie als Sekundärzitat aus den Aufzeichnungen Nettlaus.
Die Arbeit an Bakunin begleitet Ball über sein dadaistisches Engagement im Cabaret Voltaire hinaus bis nach Bern, wo er ab 1917 für die Freie Zeitung arbeitet. Materielle wie auch verlegerische Schwierigkeiten verzögern die Fertigstellung des Werkes immer wieder. Doch erst nach der endgültigen Absage durch seinen Verleger Erich Reiss beendet Ball seine Arbeit 1918, als die ersten beiden Teile bereits abgeschlossen sind. Damit fehlen dem Brevier auch in der nun erschienenen Edition allerdings jene zehn Jahre bis zu Bakunins Tod im Jahr 1876, in welchen sich sein anarchistisches Engagement erst in ganzer Konsequenz entfaltete: die Jahre der Spaltung der Ersten Internationale, der Bekanntschaft mit Nečaev, und schließlich auch des Entstehens seiner bekanntesten Werke Das Knuto-germanische Kaiserreich und die soziale Revolution sowie Gott und der Staat. Das bedeutet freilich nicht, dass Bakunin in Balls späteren Schriften keine Rolle mehr spielen würde – im Gegenteil: In der Kritik der deutschen Intelligenz tritt er als Kronzeuge auf gegen das geisteshistorisch begründete Scheitern Deutschlands, und Bakunin ist es schließlich auch, der Ball zum Begriff der „politischen Theologie“ führt und damit zu seiner Begegnung mit Carl Schmitt.
Für das Brevier wählt Ball eine zurückhaltende Form. Er schreibt keine Biographie, sondern beschränkt sich auf das knappe Kommentieren von aufeinanderfolgend montierten persönlichen Dokumenten Bakunins und Quellen aus zweiter Hand. Ball folgt darin der Chronologie und platziert zeitnahe und retrospektive Beiträge unmittelbar nebeneinander. Im Übrigen übt er seine Autorenrolle jedoch nur hintergründig aus, durch die Selektion geeigneter Textstellen, als Übersetzer und durch redaktionelle Eingriffe, Glättungen, Kürzungen, welche er vornimmt. Dank des hervorragenden Kommentars der Editoren lässt sich dies im Detail nachvollziehen.
Anarchismus: Sympathie und Therapie
In seinem rückblickend bearbeiteten Tagebuch Die Flucht aus der Zeit schreibt Ball unter dem Jahr 1915: „Ich habe mich genau geprüft. Niemals würde ich das Chaos willkommen heißen, Bomben werfen, Brücken sprengen und die Begriffe abschaffen mögen. Ich bin kein Anarchist.“ In der Tat befand sich Ball, soweit es sich nachvollziehen lässt, nur im Dunstkreis anarchistischer Aktivitäten. Er stand in Kontakt zu einigen Anarchisten – Brupbacher, Landauer, Mühsam –, aber er beteiligte sich niemals direkt an ihren politischen Aktionen, von Terrorismus ganz zu schweigen, auf den Anarchismus heute noch gerne reduziert wird. Doch Ball ist ein „diskreter Anarchist“. Seine geistigen Sympathien mit dem Anarchismus sind – zumindest für eine gewisse Zeit seines Lebens – deutlich; sie stehen im Zusammenhang mit der in den Jahren seiner politischen Publizistik und auch in seiner Kritik der deutschen Intelligenz vehement vorgetragenen Ablehnung einer Überhöhung des Staates, die im Krieg kulminierte. Mit der Politisierung seiner Geisteswelt verschwindet ab 1920 auch die Präsenz des Anarchismus aus seinen Schriften, oder aber sie verwandelt sich und tritt auf in sublimierter Form, etwa in der asketischen Weltabgewandtheit frühchristlicher Heiliger, deren Viten Ball in diesen Jahren intensiv studiert.
Es war die Unerbittlichkeit und Unerschütterlichkeit des Revolutionärs Bakunin, dessen Konsequenz bis zum Letzten einer Zerstörung der überkommenen Ordnung vor der Errichtung einer neuen, die Ball faszinierte: gegen die Ordnung das Chaos und das Chaos als schöpferische Kraft zu setzen, der Punkt an dem Anarchismus und Dada angesichts des empfundenen Zustands der Welt zu vergleichbarem Schluss gelangen. Der Punkt, an dem Ball Bakunin nicht mehr folgen kann, ist die Schärfe seiner Religionskritik, in der er seine Staatskritik noch übertrifft: der zum Katholizismus zurückkehrende Ball kann nicht verstehen, wie Bakunin im Kulturkampf Partei für Bismarck und gegen die Kirche ergreifen konnte.
Im Rahmen der Herausgabe der Sämtlichen Werke und Briefe Balls nimmt das Bakunin-Brevier nun, mitsamt eines gründlichen Kommentars und einem ausführlichen Nachwort, angemessenen Platz ein. Gleich Bakunin, dessen Werke selten abgeschlossen wurden und größtenteils posthum erschienen, so liegt auch Balls Brevier nur in einem Torso vor, dem sein Autor selbst nicht mehr den Segen geben konnte oder wollte. Wer dem rücksichtlosen Destruktionstrieb Bakunins nicht folgen kann, der findet womöglich in den von Ball verborgen gelegten Spuren einen Weg zu einer anarchistischen Therapie.
Hugo Ball, Michael Bakunin. Ein Brevier, hg. v. Hans Burkhard Schlichting unter Mitarbeit von Gisela Erbslöh, Göttingen 2010.
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