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Quelle: http://phainomena.de/2010/04/23/kommentarlos

Kommentarlos

Vom Vorteil, nicht kommentieren zu dürfen – eine Polemik wider das freie Kommentieren im Internet

Von Manuel Schölles am 23. April 2010 ·  Essay

Kommentare im Internet sind wie der Sand der Wüste. Will man ihn zu fassen kriegen, zerrinnt er zwischen den Fingern und das einzelne Sandkorn für sich scheint keine Bedeutung zu haben; in ihrer Gesamtheit aber bilden die Kommentare eine unermessliche Ansammlung von Meinungen, Ideen und Verweisen, die nichts mehr anderes sind als eben Haufen, Fülle, Überschuss oder gar – Netz.

Die Geschichte des Wortes „Kommentar“ ist überaus komplex und durch ständige Schwankungen zwischen elitärer und alltäglicher Verwendungsweise bestimmt: Es gibt sakrale, juristische, philologische und bloß hypomnematische Kommentare. Ein Irrglaube ist jedenfalls, dass sie sich immer und grundsätzlich dadurch auszeichnen, dass sie sich auf einen abgeschlossenen Text beziehen (der, genauer besehen, durch das Kommentieren erst abgeschlossen wird); die Praxis des „kollegialen Kommentierens“ im römischen Rechtswesen zeigt das Gegenteil, und zwar bevor ausgewählte Rechtsmeinungen im Jahr 533 nach Christus überhaupt erst zu einem Codex zusammengefasst worden sind. [1] Der im Internet weit verbreitete Traum vom Unterlaufen hierarchischer Strukturen durch die Praxis des Kommentierens, die bei keinem autoritativen Text mehr ihren Ausgang nimmt, hat also uralte Vorläufer.

Werbung und Anonymität haben die Gesprächskultur zerstört

Es fällt jedoch auf, dass dieser Traum selbst zu einer Autorität mit Weltanschauungscharakter geronnen ist. Dabei werden diffuse Vorstellungen von Freiheit, Vernetzung, Kommunikation und Kollaboration in den Raum gestellt, die von der Kommentarpraxis auf verstörende Art und Weise konterkariert werden. Die Kommentarfunktion ist nämlich durch die irrsinnige Idee, die Bedeutung einer Website an der Quantität der zu ihr führenden Referenzen festzumachen, mehr und mehr zu einem Promotion-Werkzeug verkommen. Diese Referenzen können von jedem Seiten-Betreiber durch Kommentierung auf anderen Seiten erhöht werden, wobei es mittlerweile weniger um den geheimnisumwobenen Pagerank bei Google zu gehen scheint, sondern um ganz banale Sichtbarkeit, damit etwa bei einem sogenannten (meist hoffnungslos langweiligen) Leitblog Aufmerksamkeit auf das eigene Projekt gelenkt wird.

Schlimmer als Werbung ist jedoch die Anonymität, die durch das maschinelle Bereitstellen von Lesermeinungen erzeugt wird: Die damit verknüpfte Asymmetrie zwischen dem Blog-Autor und seinen Lesern entwickelt sich auf Kommentarebene nicht selten zu einem mehr oder minder offen geführten Machtkampf, den auch kürzlich die Autorinnen von Les Mads beklagt haben. Dass der Urheber des Bezugstextes in der Regel mit Namen und mithin der ganzen bürgerlichen Existenz für seinen Text eintritt, während der anonyme Kommentator, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, sagen kann, was er will, macht eine fruchtbare Gesprächssituation a priori zuschanden.

Dass ohne Textverantwortung die jeweilige Meinungsäußerung massiv an Gewicht und Widerständigkeit verliert, wird dabei kaum beachtet. Die ‚Gespräche’ im Kommentarbereich der meisten Blogs zeitigen demnach eine gewisse Zweideutigkeit, welche die größtmögliche Öffentlichkeit mit dem vertraulich-anonymen Setting eines Beichtstuhls vereint. Dies führt zu grotesken (bis pathologischen) Text-Miniaturen, die nichtsdestoweniger in das enge Korsett eines sozial salvierten und prädeterminierten Sinnzusammenhangs gezwungen sind. Denn öffentliches Sprechen ist sozusagen ein hartes Sprechen, das fest mit dem Autor verknüpft ist, diesem gelegentlich sogar auf verhängnisvolle Weise anhängt und meist holzschnittartig und konventionell ist. Anonymes Sprechen dagegen ist weich, steht also nur in einer losen Verbindung zum Autor, ist nachgerade zur Beichte geeignet und durchmisst ungezügelt die Abgründe der Seele.

Feigenblatt für Schrott- und Trümmerblogs

Es stellt sich in diesem Zusammenhang unweigerlich die Frage, ob man nicht besser, weil unbefangener, schreibt, wenn nicht auf jede Äußerung ein unmittelbares Feedback kritischer Leser erfolgt. Thematisch abseitige oder besonders anspruchsvolle Artikel rufen gleichwohl fast gar keine Kommentare hervor und finden und auch sonst im Internet kein Echo. Da Relevanz durch Verlinkung ermittelt wird, werden solche Texte in der Folge kaum wahrgenommen und verschwinden schließlich im nervösen Wellenschlag eines unendlich fließenden Datenstromes. Die Offenheit der Form, mit der eigentlich eine hierarchiefreie Dynamik einhergehen sollte, zeigt interessanterweise durch einen falschen Algorithmus ähnlich sklerotische Tendenzen wie bei den etablierten Medien außerhalb des Internets.

Dass der Kommentar erst mit der Konjunktur sozialer Netzwerke ein Breitenphänomen geworden ist, nimmt aus den angeführten Gründen nicht wunder. Erst durch Facebook wird die Möglichkeit, zu jeder Sache einen mehr oder minder öffentlichen Kommentar zu schreiben, von einer signifikanten Menge von Menschen auch wirklich ergriffen. Bei diesen Kommentaren handelt es sich in der Regel um nicht-anonyme Meinungsbekundungen, die sich auch durch einen weiterführenden Link oder ein bloßes Like ausdrücken können. Was Datenschützer die Haare zu Berge stehen lässt, ist für den Kommentar im Internet ein wahrer Segen; die Vermeidung von Anonymität in Verbindung mit begrenzter Öffentlichkeit, die meist auf den eigenen ‚Freundeskreis’ oder die Abonnenten einer Facebook-Seite beschränkt ist, bringt die Menschen, aller Erfahrung nach, in eine wohlwollende und von gesunder Scham bestimmte Beziehung zueinander. Dass Beschränkung also Offenheit bedeuten kann, lässt sich hier wunderbar zeigen.

Allein die Möglichkeit des Kommentierens verändert die Haltung des Lesers zum Text. Dieser muss sich ja irgendwie zur Kommentarfunktion und den vielleicht schon früher abgegebenen Kommentaren verhalten. Ich bin davon überzeugt, dass dies dem Lesen und Verstehen abträglich ist. Welchen Nutzen für mich und die Menschheit soll es überhaupt haben, dass ich immer und überall nach meiner Meinung oder, im besten Fall, nach meiner Expertise gefragt werde? Ja, ich kann meine Meinung verweigern, ich kann mich auch indifferent dazu verhalten, aber beides verlangt eine Haltung und Entscheidung, eine gewisse Anstrengung, die sich zu den unzählig vielen anderen Anstrengungen meines Lebens addiert.

Die Kommentarfunktion ist nurmehr zu einem Feigenblatt für die Schrott- und Trümmer-Blogs degeneriert, die ihre Einfallslosigkeit monomanisch hinter einer kommunikativen Dynamik verstecken, die es gar nicht gibt. Vernetzung indes hat nichts damit zu tun, dass man unter dem eigenen Text gleich den Weißraum für potenzielle Kommentare lässt, sondern dass man ins Gespräch kommt, in ein Gespräch, welches unendlich feiner, subtiler und produktiver ist als jeder Blog-Kommentar. Es kann aber nur dort stattfinden, wo die Gesprächsteilnehmer ihren Namen nennen und bereit sind, für ihre Worte ernsthaft einzustehen – wo alle wissen, dass erst solche Ernsthaftigkeit doch eigentlich Heiterkeit bedeutet.

  1. Vgl. Markus Krajewski/Cornelia Vismann, Kommentar, Code und Kodifikation, in: Zeitschrift für Ideengeschichte 3/1 (2009), 5–16, hier 8. ↩

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