
Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin
Foto: Kai Hendry (cc-by)
Schon mehrere Journalisten hat die neue Zentralbibliothek der Humboldt-Universität, das Grimm-Zentrum, zu einem Vergleich mit einem Swimming-Pool auf Mallorca inspiriert. Wer schon einmal in einer mediterranen Ferienanlage Urlaub gemacht hat, kennt die bei den Deutschen weit verbreitete Sitte, sich vor dem Frühstück durch Ablegen eines Badehandtuchs die besten Liegestühle am Pool für den Tag zu reservieren. Mit diesem Phänomen hat seit seiner Eröffnung auch das Grimm-Zentrum zu kämpfen, nur dass es sich dabei nicht um Liegestühle, Handtücher und Urlauber, sondern um Leseplätze, Bücher und Studenten handelt. Schwer hat es, wer sich dort unter der Woche erst am Mittag auf die Suche nach einem freien Platz im Lesesaal begibt. Die Leitung des Hauses hat darum nach diversen provisorischen Schritten jetzt zu einer für Bibliotheken höchst ungewöhnlichen Maßnahme gegriffen: Jeder Nutzer erhält bei Eintritt eine rote Parkscheibe, auf der er bei jedem Verlassen seines teuren Arbeitsplatzes die aktuelle Uhrzeit einstellen muss. Wer nach einer Stunde nicht zurückgekehrt ist, hat den Anspruch auf seinen Leseplatz verwirkt; das, was er dort liegen gelassen hat, darf nun ohne Umschweife entfernt werden. Angeschlossene Laptops werden „zur Seite geschoben“.
Parkscheiben für die Mittagspause
Zuvor hatte man versucht, dem Nutzeransturm mit einer Privilegierung der Studenten der HU gegenüber auswärtigen Nutzern zu begegnen, was berechtigte Proteste hervorgerufen hat, will das Grimm-Zentrum doch explizit nicht nur Studien-, sondern auch Forschungsbibliothek sein. Auch die neue Maßnahme zeigt wiederum die durch mannigfaltige Fehlplanungen begründete Hilflosigkeit der Verantwortlichen in beispielhafter Weise. Unweigerlich stellen sich Assoziationen mit dem Parken eines PKWs ein (die rote Drehscheibe ist genau nach dem Vorbild der blauen, im Straßenverkehr gebräuchlichen gestaltet). Diejenigen Leser, die nach dem Mittagessen in der Mensa mit ihren Freunden noch einen Kaffee zu trinken pflegen, müssen nun wohl darauf verzichten, oder sie müssen sich wenigstens stark ins Zeug legen (Espresso!), um nicht aus dem wie von einer Fabrik-Stempeluhr festgelegten Zeitrahmen zu fallen.
Es liegt auf der Hand, dass dieses Verfahren keine elegante Lösung des Problems darstellen kann, sondern vielmehr die beachtliche Zahl der Missstände im neuen Aushängeschild der Humboldt-Universität nur um einen weiteren erhöht. Um diese Missstände weiß auch die Bibliotheksleitung und versucht, sie als Startschwierigkeiten des im September eröffneten Hauses herunterzuspielen. Dies ist in den meisten Fällen aber kaum glaubwürdig, handelt es sich doch größtenteils um Probleme, die einerseits vorhersehbar waren, andererseits nachträglich kaum zu beheben sein werden. Dies mögen einige Beispiele verdeutlichen: Die Bibliothek versichert auf ihrer Homepage, die Anzahl der Arbeitsplätze sei im Vergleich zur Zeit vor ihrer Eröffnung zwar „mehr als verdoppelt“ worden, einen derart großen Besucherandrang habe man jedoch nicht erwartet. In Zahlen: Man rechnete mit maximal 1250 Besuchern pro Tag, tatsächlich sind es – laut Tagesspiegel – mittlerweile bis zu 5000. In der Tat: Wer hätte damit rechnen können, dass eine neue, hochmoderne Bibliothek, die sich als die größte Freihandbibliothek Europas feiert, in bester Verkehrslage im Zentrum Berlins, für jedermann ohne Nutzerausweis offen und zugänglich, feierlich zum 200. Universitätsjubiläum eingeweiht, auf einen weitaus größeren Zuspruch als die verstreuten und verstaubten Zweigbibliotheken der vorherigen Zeit treffen würde?
Geruch wie in einer Umkleidekabine
Wer die Bibliothek betritt, hat als erstes den Garderobenbereich aufzusuchen. Dies ist ein beengter Raum in den Katakomben des Hauses, der im Winter einen Geruch wie in der Umkleidekabine einer Eishockeymannschaft verströmt. Wer großes Glück hat, findet dort nun ein freies Schließfach. Laut Bibliothek sind bereits „ein Fünftel der Garderobenfächer durch fehlende Schlüssel unbrauchbar“. Wer hätte gedacht, dass in einem Raum, zu dem wirklich jeder Mensch zutritt hat, langsam aber sicher sämtliche Schlüssel verschwinden, die sich ohne Ausweis oder Pfand oder Kontrolle einfach abziehen und mitnehmen lassen?
Endlich im Inneren der Bibliothek reicht es, wenn überhaupt, oft nur für einen Arbeitsplatz zweiter Klasse. Das sind diejenigen, die sich nicht im Lesesaal befinden (dort gibt es nur 252), sondern außen hinter den Bücherregalen, zwischen denen ein stetes Kommen und Gehen, Räumen und Sprechen herrscht. Dem dadurch entstehenden Lärmpegel, der kaum konzentriertes Lesen zulässt, vermögen auch die jüngst überall angebrachten ‚Pssst‘-Schilder kaum abzuhelfen.
Wer etwas kopieren will, kann sich zwar über moderne Buchscanner freuen, muss dafür jedoch meistens eine zeitraubende Odyssee durch die Stockwerke in Kauf nehmen. Die Kopierer sind nämlich nicht, wie üblich, an einem zentralen Ort versammelt, sondern vereinzelt auf die hintersten Ecken von fünf Etagen verstreut. Das Ablaufen der meist belegten Kopierkammern dauert gut und gerne eine Viertelstunde, Erfolg am Ende der Reise freilich nicht garantiert. Wenn man es schließlich doch geschafft hat, darf man sich auf einen Preis von stolzen sieben Cent pro kopierter Seite gefasst machen, mehr als in fast allen kommerziellen Copy-Shops der Stadt.
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst
Entleihen lässt sich in dieser Bibliothek außer Zeitschriften fast alles. Selbst Standardwerke, die nur in einem einzigen Exemplar vorhanden sind, kann jeder problemlos mit nach Hause nehmen. Auch hierbei läuft im Grimm-Zentrum also alles nach dem Motto: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, alle anderen haben Pech gehabt.
Schließlich darf auch die mangelnde Barrierefreiheit des Gebäudes, die bereits zu heftigen Diskussionen geführt hat, an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, ist doch auch sie keine bloße Kinderkrankheit, sondern verweist wie das Übrige auf schwerwiegende Defizite in der Planung der Bibliothek. Diese können durch Maßnahmen wie die neue Parkuhr-Regelung allenfalls übertüncht, aber nicht wirklich behoben werden.
Was eine gute Bibliothek ausmacht, ist aber neben all den technischen Belangen nicht zuletzt eine fruchtbare Lese- und Arbeitsatmosphäre. Dies ist ein Grund, warum die Staatsbibliothek am Potsdamer Platz trotz ihres leicht vergilbten Erscheinungsbildes noch immer von vielen geschätzt und frequentiert wird. Vielleicht ist es zu drastisch und pauschal, die Atmosphäre des Grimm-Zentrums dagegen als geistfeindlich zu bezeichnen; zum Verweilen in Muße lädt das prestigeträchtige Hochglanz-Gebäude mit seinen mannigfaltigen Widerständigkeiten aber wohl kaum ein. Die neuen Parkuhren bilden hierbei nur das i-Tüpfelchen. So ist die anfängliche Euphorie um den „architektonische[n] Höhepunkt des Jahres“ 2009, den neuen Stern der geisteswissenschaftlichen Landschaft Berlins, bei vielen in große Enttäuschung umgeschlagen. Nicht wenige kehrten schon nach Tagen reumütig in die altbewährte StaBi zurück.
Wir haben auf PHAINOMENA keine Möglichkeit integriert, Kommentare zu hinterlassen, weil wir uns ganz auf die Texte konzentrieren wollen. Sie können uns jedoch Lob oder Kritik gerne per E-Mail mitteilen: feedback@phainomena.de
Wenn Sie möchten, können wir Ihren Beitrag jederzeit auf dieser Seite als Update veröffentlichen. Übrigens: Sie können auch via Twitter und Facebook Ihre Meinung zu PHAINOMENA kundtun.

