
In Treatment von Rodrigo García, dem Sohn von Gabriel García Márquez, braucht wie viele gute Serien ein wenig Zeit. Man muss sich erst langsam hineinfinden. Aufgrund des besonderen Formats der ›Psycho-Therapie‹, das zu 80 Prozent nur einen einzigen Raum (mit Badezimmer) bespielt – bei den anderen 20 handelt es sich um die Wohnung der Supervisorin Gina (Dianne Wiest) –, gilt es, die Figuren vor allem durch ihre Erzählungen kennenzulernen. Gelegentlich wird dem Innen aber auch ein Außen entgegengestellt, indem die Patienten erst in das Zimmer des Therapeuten hineingeführt, manchmal sogar wie vor einer Pforte wartend gezeigt werden. Dabei kommt es nicht selten auch zum Fensterblick, der für den realistischen Film so bedeutend ist. Diese Situationen des Außen betreffen allerdings ausschließlich die Zeit vor und nach der Therapie. Es gibt also keine Zwischensequenzen, in denen visuell andere Orte, zum Beispiel durch eine andere Bildebene bei den Erzählungen der Patienten, bespielt werden. Nun könnte man meinen, dieser Umstand wirke ermüdend und würde den Zuschauer schnell langweilen, aber ganz das Gegenteil ist der Fall.
Kaum sind die Figuren eingeführt, geht es schon ans Eingemachte. Und so habe ich den Therapeuten Paul (Gabriel Byrne) sehr schnell lieben gelernt. Nach jeder Folge, die Supervision ausgenommen, wünsche ich mir dort zu sein und es mir auf der braunen, eingesessnen Couch gemütlich zu machen, um mich ganz in Pauls zarte Analytiker-Hände zu begeben. Zwischen uns nur noch die Kleenex-Box und seine verschränkten Arme, die eine distanzierte Haltung signalisieren sollen, es aber nicht ganz schaffen, seine lusthungrigen Augen zu verbergen. Die Ehefrau an seiner Seite hat, ein willkommenes Klischee, längst allen Reiz verloren, und so verschiebt sich das Zentrum seiner Begierde: Laura (Melissa George), eine Anästhesistin Ende zwanzig, dominiert Pauls Gedanken- und Gefühlswelt. Danach fordert ihn Alex regelmäßig heraus, seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen: einerseits durch eine Affäre mit Laura und andererseits durch persönliche Beleidigungen, die Pauls Privatleben angehen, woraufhin es sogar zu einem körperlichen Übergriff zwischen Therapeut und Patient kommt.
Paul ist ein Getriebener in einem engen, sehr engen Möglichkeitsspielraum. Sehen wir uns doch einmal an, wie viel Raum ihm zur Entfaltung bleibt! Wir kennen nur das Arbeitszimmer, in dem er seine Patienten empfängt. Bis auf den freitägigen Besuchen bei Gina verlässt er nie diesen Raum. Und ob man überhaupt von verlassen sprechen kann, ist fraglich, da auch bei seiner Supervisorin die Therapie im Zentrum steht. Pauls Weg nach Draußen muss also ein anderer sein, ein Nebenpfad in die Welt, der sich in diesem Zimmer selbst befindet. Denn dort ist alles, dort muss alles sein, was Paul bewegt. Wenn wir uns umsehen und die Requisiten genauer untersuchen, finden wir auch sogleich eine Spur.
Schiffe, überall sind Schiffe und andere Hinweise auf das Meer und die Seefahrt. Manchmal thematisieren auch Pauls Patienten die Schiffsmodelle und spielen auf einen Mangel aufseiten des Therapeuten an, als würde Paul eigentlich auf ein Boot steigen wollen, um die Weltmeere zu durchqueren! Nein, auf diesen Meeren ist Paul nicht zu Hause und doch ist er nicht weit von den Seewegen des Odysseus entfernt, der als eine der wirkungsmächtigsten literarischen Figuren in unsere Kulturgeschichte eingegangen ist.
Erinnern wir uns an die Szene, in der Odysseus durch das Spiel von Nausikaa und ihren Dienerinnen geweckt wird und meint, noch schlaftrunken, Nymphengesang zu vernehmen, aber bald herausfindet, dass es sich um die Königstochter der Phaiaken handelt. Mit diesem Erwachen enden seine Irrfahrten, denn er ist auf dem Weg nach Hause: um den Platz des Königs für sein Land zurückzuerobern, um seinen ehelichen Pflichten nachzukommen und um seinem Sohn ein Vater zu sein.
Ist Paul ein guter Vater? Ein guter Ehemann? Und was ist mit seiner Karriere passiert, da er doch, wie wir in einer Episode erfahren können, die Möglichkeit hatte, Direktor eines „Instituts“ zu werden? All das scheint aus den Fugen geraten zu sein: Seine Frau „vögelt einen anderen“, seine jüngste Tochter „macht’s mit Junkies“, für die Bedürfnisse seines kleinen Sohnes hat er kein Verständnis und die Therapie läuft, nicht zuletzt dank Laura, auch langsam aus dem Ruder.
Paul durchschifft nicht minder als seine Patienten das unendliche Meer des Unbewussten und stellt sich seinen Gefahren. Indem das geniale auf der israelischen Serie Betipul basierende Drehbuch die Seelen von Pauls Patienten gleichsam in ihm spiegelt, was vor allem in jeder fünften Folge bei der Supervision deutlich wird, verschwimmen die Ränder zwischen den einzelnen Figuren und der verborgene Zusammenhang aller einzelnen Seelen wird deutlich, den Zuschauer zu Hause vor dem Fernseher nicht ausgenommen. Unbedingt ansehen!
In Treatment läuft noch bis 12. Mai immer mittwochs in einer Doppelfolge ab 22.25 Uhr auf 3sat.
Weiterführende Links:
Übersicht über alle Sendetermine bei 3sat
3sat-Blog zu „In Treatment“
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