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Quelle: http://phainomena.de/2010/04/12/mehr-matsch-bitte

Mehr Matsch, bitte!

Was mir im Ton von Sol Gabetta fehlt

Von Michael Preis am 12. April 2010 ·  Rezension

Sol Gabetta ist eine junge Cellistin, um deren Karriere man sich wenig Sorgen machen muss. Sie hat 1998 einen dritten Preis beim ARD-Wettbewerb in München gewonnen. Man hat ihr 2004 mit der Zuerkennung des prestigeträchtigen Credit Suisse Young Artist Award die Möglichkeit eröffnet, beim altehrwürdigen Lucerne Festival mit den Wiener Philharmonikern zu debütieren. Im Jahr 2007 erhielt sie ihren ersten, 2009 dann einen zweiten ECHO der Klassik; und in der Liste ihrer weiteren Auszeichnungen steht ein Preis beim Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau.

Sol Gabetta unterrichtet in Basel, konzertiert in vieler Herren Länder und hat obendrein vor kurzem in ihrer Schweizer Wahlheimat ein eigenes kleines Festival gegründet. Sie hat einen ganzen Haufen CDs eingespielt, die natürlich, wie könnte der Betrieb auch anders wollen, sämtlich erfolgreich besprochen worden sind. Sie ist noch keine dreißig und doch schon im Cellistenolymp. Kritiker zögern nicht, sie, wie es heißt, mit den ganz Großen zu vergleichen. So überrascht es nicht, dass auf dem Cover von Harald Eggebrechts Buch Große Cellisten zwei Persönlichkeiten abgebildet sind: Sol Gabetta und Pablo Casals, der Mann also, der den Cellisten unter allen Gläubigen die Bach-Suiten wiederentdeckt und damit erst eine Bibel verschafft hat.

Wer nur Eggebrechts Buchdeckel betrachtet, dem offenbart sich, wessen Geschichte schon geschrieben ist und für wen sie gerade beginnt. Casals, der Grandseigneur des Violoncellos im 20. Jahrhundert, blickt aufgrund einer Pfeife zwischen den Lippen zwar würdig, aber auch etwas abwesend auf sein Instrument. Seine rechte Hand führt den Bogen, die linke begreift die Saiten. Die Pfeife muss von selber hängen. Sol Gabetta dagegen sieht mit ihren dunklen Augen dem geneigten Leser ins Gesicht. Ihre Lippen lächeln entspannt. Ihr Instrument liegt so, dass sie sich hübsch drauf stützen kann. Ihr Bild ist in Farbe und über Casals.

Zu Sol Gabettas Künstlerbild gehört nicht nur die ausgereifte Instrumentalistin, sondern auch die warmherzige, fröhliche und ernsthafte Persönlichkeit. Man muss Sol Gabetta dabei zugute halten, dass sie sich ihrer versammelten Verehrerschaft zu allen Ufern des gender so schön wie keusch vor Augen stellt. Dabei ist es vermutlich hilfreich, keine Opernsängerin zu sein und einem Milieu zu entgehen, das vor seichten Geschichten nur so strotzt und bezüglich seiner Protagonisten den Kurzschluss provozieren mag, so seicht sei auch ihr wahres Leben.

Sol Gabetta ist nicht nur Künstlerin, sondern als Medienphänomen ein Glücksfall für die Klassik-Industrie, über deren viel beunkte Krise sich Gabetta kaum beschweren kann. Sie ist etabliert in den Herzen ihrer Fangemeinde. Man möchte sie hören, sehen und ihr applaudieren, Zugabe brüllen und vermutlich der erste dabei sein. Ein bisschen ist sie wie das inzwischen erwachsen gewordene nette Nachbarmädchen von nebenan, von dem man doch schon immer wusste, dass es so ganz normal und trotzdem einfach etwas ganz Besonderes ist.

Die Leichtigkeit, mit der Sol Gabetta den Weg ihrer Karriere begeht, muss man trotzdem nicht allein bewundern. Bei aller Sympathie für eine Künstlerin, gegen deren Erfolge schwierig zu argumentieren ist: Was ihren Fingern fehlt, sind Narben von demjenigen Feuer, das nicht in den Passagen brennt, sondern dort, wo ein Ton alleine lodert – wenn er nicht grade kühl verglüht. Sol Gabetta fehlt das Gespür für die Zeit, die vergeht, bevor sie vom einen Ton zum nächsten wechselt. Wer dahinschmilzt, hat nicht zugehört. Oder er hilft ein bisschen beim Löschen.

Als Beleg seien für alle, die sich selber überzeugen mögen, zwei CDs angeführt: Die frühe Einspielung des Saint-Saens-Konzertes, der Rokoko-Variationen und eines hierzulande eher unbekannten Stückes von Ginastera sowie eine spätere CD mit kurzen arienhaften Preziosen, wie sie bei vielen Instrumentalisten nicht erst seit heute in guter Mode sind. Beide CDs sind hörenswert. Für die erste hat Sol Gabetta, bestimmt nicht zu Unrecht, sogar ihren Klassik-ECHO von 2007 erhalten.

Sol Gabettas spielt technisch souverän, sie gestaltet durchdacht und geschmackvoll, sie moduliert anständig, alles klingt gut. Aber immer wieder spielt sie einfach erdrückend langweilig. Mag man sich noch streiten, ob man der Tortelier-Aufnahme der Rokoko-Variationen den Vorzug geben soll vor Gabettas Interpretation. Torteliers Tschaikowski klingt vergleichsweise etwas angestaubt. Der ganz groß strahlende Ton, wie ihn Gabetta pflegt, ist bei ihm nicht zu hören, wobei die Aufnahmetechnik ihre Rolle spielen mag.

Aber wer die Rostropowitsch-Aufnahme der Rokoko-Variationen kennt, die in einer Jubiläumsedition der Deutschen Grammophon erschienen ist, der wird entweder sagen, der große Russe spielt nicht nach dem Metronom. Oder er wird feststellen, dass die Rubati nur ein Element der Modulationskunst sind, die Rostropowitschs Tschaikowski-Auffassung und überhaupt seine Romantiker-Deutungen prägt. Wo man sich bei Rostropowitsch im Hören ständig selber überrascht, klingt bei Gabetta vieles gleich.

Zwar kann man ihrer Tschaikowski-Einspielung genauso wenig vorwerfen wie ihrem fabelhaft virtuos gegebenen Saint-Saens. Aber spätestens beim Andante Cantabile des russischen Komponisten, das als Zugabenstück zwischen die Variationen und das Saint-Saens-Konzert gelistet ist, hätte man es gerne etwas rührseliger – oder mindestens auf eine Weise schöner, dass man an Tränen denken mag.

Ganz schlimm finde ich Sol Gabettas Cantabile-CD mit arrangierten Arien von Gounod, Offenbach, Bizet, Delibes und anderen. Was die Cellistin spielt, ist schön, klingt gut. Man schließt die Augen. Aber bald schon hört sich alles ein bisschen an, wie das Cover der Platte aussieht, sehr sauber und ein bisschen nach Seife. Was mir fehlt im Ton von Sol Gabetta, ist das Schwarze, das unter den Fingernägeln bleibt, wenn man vor dem Üben vergessen hat, die Gartenreste wegzubürsten. Ich hätte gern ein bisschen Dreck. Wenn ich was höre, soll es matschig klingen.

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