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Quelle: http://phainomena.de/2010/04/05/antike-rhetorik-suess-serviert

Antike Rhetorik, süß serviert

Wilfried Stroh, Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom

Von Tom Wellmann am 5. April 2010 ·  Rezension

Wilfried Stroh, Die Macht der Rede

© Ullstein Verlag

Die Rhetorik ist und bleibt, trotz aller in den letzten zwei Jahrhunderten zu ihrer Revitalisierung getroffenen Maßnahmen, eine Disziplin der Antike, der griechischen und der römischen. Als solche würdigt sie Wilfried Stroh in seiner „kleinen Geschichte“ der antiken Rhetorik: Klein erscheint diese Geschichte, deren Erzählung auf über 500 dichten Seiten beim homerischen Epos einsetzt und bis zu ihren spätantiken Ausläufern fortgesponnen wird, zwar äußerlich nicht; angesichts der Überfülle des verfügbaren und von Stroh herangezogen, oftmals aber notgedrungen nur kurz gestreiften Materials, mag dieses Prädikat dennoch gerechtfertigt sein. Das Buch empfiehlt sich durch große Sachkenntnis und Gelehrsamkeit, gute Verständlichkeit, eine übersichtliche Gliederung und eine umfangreiche kommentierte Bibliographie. Das Panorama der antiken Rhetorik, das Stroh vor den Augen seiner Leser entfaltet, ist dabei überaus beeindruckend. Der Reichtum dieser Geschichte ist nicht allein durch die vielen in den Blick genommenen Jahrhunderte begründet, sondern vor allem auch durch das weite Spektrum der berücksichtigten Autoren. Behandelt werden sowohl Theoretiker als auch Praktiker der Rhetorik, philosophische Reflexionen zum Thema sowie technische Handbücher, Logographen und Politiker, abseitige, selten beachtete Autoren und solche, die jeder kennt.

Dass das Buch gleichwohl jederzeit gut lesbar bleibt, verdankt sich seinem zweckmäßigen Aufbau: Besonders ausführlich berichtet Stroh von den beiden Höhepunkten in der antiken Rhetorikgeschichte, Demosthenes und Cicero, um deren Monumente herum das Übrige disponiert ist. Zur Lesbarkeit soll freilich auch der an keiner Stelle trockene Stil des Altphilologen beitragen, den dieser bereits in seinem Bestseller Latein ist tot - es lebe Latein! [1] gepflegt hatte. Zwar gelingt es Stroh auf diese Weise, dass seine Geschichte an keiner Stelle wirklich langweilig ist. Der exzessive Gebrauch von Aktualisierungen, von Hinweisen auf zeitgenössische Parallelen, eine oft gewollt wirkende Lockerheit und Süßlichkeit der Diktion und eine regelrechte Überwürzung des Textes mit Pointen dürften indessen nicht jedermanns Sache sein. Ein typisches Beispiel aus der Schilderung der Debatte um die richtige Art der paideia in Athen zu Zeiten von Platon und Isokrates (die natürlich sofort mit der Diskussion nach den Pisa-Studien verglichen wird):

[H]ätte es damals schon das Fernsehen gegeben, wäre mit Sicherheit bald eine einschlägige Talkshow zumindest im attischen Bildungskanal fällig gewesen. Lassen wir unserer historischen Phantasie ein wenig die Zügel schießen: Wen hätte man dazu einladen müssen? (144)

Bei aller Betonung der heutigen Relevanz der antiken Rhetorik, wäre eine etwas größere Beachtung der Differenzen von Antike und Moderne doch wünschenswert gewesen. Dass Stroh alle geschilderten Begebenheiten stilistisch geradezu im Jetzt ansiedelt, schwächt zudem etwas die Glaubwürdigkeit seines Anliegens, das er am Schluss mit dem Schlachtruf „ad fontes!“ formuliert. Auch Erklärungen einzelner Redestücke sind oft eine Gratwanderung: Zwar wird meist gut verständlich, warum eine Periode in der Antike berühmt und vielzitiert gewesen ist; dabei verfällt der Autor jedoch häufig in den (wohl vielen bekannten) Tonfall eines begeisterten Lateinlehrers, bei dem ein wohlgefügter Cicero-Satz mit vielen ‚Stilfiguren‘ das Höchste der Gefühle hervorruft: Welch große Kunst, welch Leckerbissen!

Diese Mängel werden zuletzt aber durch die wissenschaftliche Kompetenz des Autors und seine souveräne Durchdringung des Materials größtenteils kompensiert. Allein die Diskussion der philosophischen Dimensionen der Rhetorik kann nicht vollends befriedigen. Ersichtliche Schwierigkeiten hat Stroh etwa mit der Integration Platons und seiner ambivalenten Stellung zur Rhetorik, was schließlich dazu führt, das Platon mit Karl Popper als ein Feind der „offenen Gesellschaft“ und der Freiheit als Gesprächspartner verabschiedet wird. Auch der Satz, dass die Rhetorik als solche moralisch neutral sei, wird nicht wahrer dadurch, dass man ihn ständig wiederholt, sondern bedürfte zumindest einer Begründung, die sich ernsthaft auf die von Platon und anderen gegen diese Position erhobenen Einwände einzulassen bereit ist. Alles in allem aber macht uns Stroh dennoch auf eine informative und kurzweilige Weise mit dem kaum erahnbaren Reichtum antiker Rhetorik vertraut, so dass das nützliche Buch – unter den genannten Vorbehalten – an dieser Stelle jedem Interessierten empfohlen sei.

Wilfried Stroh, Die Macht der Rede: Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom, Ullstein Verlag, Berlin 2009.

  1. Wilfried Stroh, Latein ist tot, es lebe Latein! Kleine Geschichte einer großen Sprache, Berlin 2007. ↩

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