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Quelle: http://phainomena.de/2010/04/03/schnalzende-verachtung

Schnalzende Verachtung

„Hundert Tage“ von Lukas Bärfuss – Seit Februar bei btb als Taschenbuch erhältlich

Von Ulrike Janovsky am 3. April 2010 ·  Rezension

Hundert Tage

© btb Verlag

Lukas Bärfuss macht nicht nur grandioses Theater. Das weiß man spätestens seit 2008 mit der Erscheinung seines ersten Romans Hundert Tage. Hier wird die Geschichte eines Entwicklungshelfers erzählt, den seine westlich-idealistischen Moralvorstellungen nach Kigali in Ruanda verschlagen. Am Flughafen, gleich zu Beginn der Geschichte – sozusagen noch auf der Grenze zwischen hier und dort, im Transit –, setzt Lukas Bärfuss äußerst geschickt eine mise en abyme ein, die das gesamte Geschehen in einer Begegnung, ja in einem Geräusch, verdichtet erzählt:

Ihre Verachtung betraf nicht die Welt, sie betraf allein mich. Und um dies zu verdeutlichen, drückte sie die Zunge an die obere Zahnreihe, erzeugte am Gaumen einen Unterdruck und ließ im selben Augenblick die Luft einströmen, worauf dieses Schnalzen ertönte, der internationale Laut der Missbilligung.

Dass sich der Held David noch auf der Reise befindet, ist wesentlich. Die Begegnung mit Agathe wird nämlich unter genau diesem Vorzeichen stehen und sich auch im Verlauf der Beziehung nicht davon befreien können. Keiner von beiden wird es schaffen, ja keiner will es schaffen, das Leben des anderen und sein Land zu verstehen zu lernen. Sie bewegen sich nur auf jener Grenze hin und her, ohne sie wirklich zu überschreiten. Die herzlose Verbindung, einzig darauf ausgerichtet, animalische Bedürfnisse zu befriedigen, ist so für Bärfuss das Bild für die Schweiz in ihrem Verhältnis zu Ruanda. Es wird massig Geld in die Entwicklungshilfe für das Land gepumpt, ohne den Versuch zu unternehmen, die Mechanismen zu durchschauen und sich so ein angemessenes Bild des Landes machen zu können. Die Distanz zu Ruanda und seinen Menschen, die Aufpfropfung westlicher Werte aus einem überheblichen Herrendenken heraus, hat zur Folge, dass die Entwicklungshelfer blind für die Tatsache sind, dass sie das totalitäre Regime unterstützen und damit das Fundament für einen der größten Genozide des 20. Jahrhunderts schaffen. – David und Agathe verbindet nichts als Verachtung, sogar in dem Moment ihres Todes:

… und was ich immer noch im Ohr habe, was nicht aus meinem Kopf weichen will, ist dieses Geräusch, wenn die Zunge sich plötzlich vom Gaumen löst, dieses Schnalzen, das am Anfang und am Ende meiner Erinnerung an Agathe steht.

Vielleicht gibt uns Bärfuss damit auch noch einen anderen Hinweis. Agathes Schnalzen kann uns vielleicht lehren, Jean-Luc Godards Le Mépris besser verstehen zu können. In Hundert Tage ist die Verachtung je schon da, sie ist die Grundlage für die Beziehung von David und Agathe. Vielleicht ist es bei Camille und Paul ganz ähnlich. Könnte es nicht sein, dass es gerade der falsche Weg ist, wie närrisch nach dem Auslöser der Verachtung zu suchen, sollte sie nicht vielmehr als immer schon dagewesene begriffen werden? Vielleicht wird dem liebenden und geliebten Menschen nicht nur die Bewunderung zuteil, vielleicht gehört die Ver-achtung ganz ursprünglich zur Liebe dazu.

Lukas Bärfuss: Hundert Tage, btb Verlag: München 2010.

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