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Quelle: http://phainomena.de/2009/08/28/verschuettete-tempel

Verschüttete Tempel

Der zweite Band der neuen Vorsokratiker-Edition von Laura Gemelli Marciano ist erschienen

Von Manuel Schölles am 28. August 2009 ·  Rezension

Vor Kurzem ist der zweite Band der auf drei Bände angelegten neuen Vorsokratiker-Edition der Zürcher Altphilologin Laura Gemelli Marciano in der Sammlung Tusculum [http://www.artemisundwinkler.de/themen-178-178/tusculum-85/] erschienen. Band 1 liegt schon seit Mai 2007 vor und enthält die Fragmente von Thales, Anaximander, Anaximenes, den vorplatonischen Pythagoreern, Xenophanes und Heraklit. Der nun erhältliche zweite Band widmet sich den Philosophen Parmenides, Zenon und Empedokles.


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Die Edition von Gemelli zeichnet sich dadurch aus, neben dem griechischen Text eine deutsche Übersetzung aller Zeugnisse zu liefern, während bei Diels/Kranz nur die wörtlichen Zitate, die sogenannten B-Fragmente, übersetzt sind. Darüber hinaus hat Gemelli zu jedem Vorsokratiker einen Kommentar zu Leben und Werk sowie einen Erläuterungs-Apparat verfaßt; allein zu Parmenides ist somit ein insgesamt 52-seitiger Leitfaden entstanden, der einen synoptischen Durchgang durch die antike Interpretation und die wichtigsten Positionen der modernen Forschung enthält. Die Tusculum-Ausgabe gibt somit einen ausführlicheren Einblick in die vorsokratische Philosophie als die zweibändige Reclam-Edition von Jaap Mansfeld (1. Aufl. 1983), welche ebenfalls mit einer vollständigen deutschen Übersetzung ausgestattet ist. Daß Gemelli die Fragmente im Kontext des jeweiligen Zitats darbietet, ist ein weiterer nicht zu unterschätzender Vorteil gegenüber Mansfeld. (Allerdings kostet die Reclam-Ausgabe auch nur ein Zehntel dessen, was man für die drei Bände der neuen Tusculum-Ausgabe bezahlen muß.)

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal gegenüber älteren Vorsokratiker-Sammlungen stellt die Aufnahme des erstmals 1999 von Alain Martin und Oliver Primavesi edierten Straßburger Empedokles-Papyrus dar; so besteht das Hauptverdienst von Gemelli – neben der durchgängigen deutschen Übersetzung – zweifelsohne in der Tatsache, daß im deutschen Sprachraum nun wieder eine Vorsokratiker-Edition auf dem aktuellen Forschungsstand existiert. Dies betont auch der Klappentext:

Hundert Jahre nach der großen Ausgabe von Diels/Kranz (1903), die als Grundlagenwerk weiterhin unentbehrlich bleibt, gibt es damit im deutschen Sprachraum nun eine weitere maßstabsetzende mehrbändige Ausgabe – mit neuen Übersetzungen und einer ausführlichen Kommentierung, die den neuesten Forschungsstand widerspiegelt.

Vor zwei Jahren hieß es allerdings noch (im Klappentext des 1. Bandes):

Die vorliegende, auf drei Bände angelegte Tusculum-Ausgabe Laura Gemellis löst die mehr als hundertjährige Standard-Ausgabe von Diels/Kranz ab.

Dem Sinneswandel des Verlegers folgen auch wir: Diels/Kranz, der bei Olms-Weidmann [http://www.olms.de] als Nachdruck der 6. Auflage immer noch neu erhältlich ist, bleibt für das wissenschaftliche Arbeiten unverzichtbar; für eine synoptisch-konzentrierte Aktualisierung des Forschungsstandes ist die neue Vorsokraktiker-Edition von Laura Gemelli Marciano jedoch eine willkommene Hilfe.

Eine Kritik der Übersetzung möchte ich gerne aussparen; Übersetzungen spiegeln Interpretationen wider, mithin die Denkweise des Übersetzers und den Geist der Epoche. Wie soll eine solche Kritik, dies alles umfassend, in einer Kurzrezension gebührend durchgeführt werden, zudem in Anbetracht der Vorsokratiker, »der best-verschütteten aller griechischen Tempel« (Nietzsche)?

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