Bevor wir nun über Stilfragen des Deutschen handeln können, müssen wir uns zuerst über das Verhältnis von Wort und Sache verständigen, und zwar aus zwei Gründen:
1. Wir setzen voraus, daß Stil immer etwas mit dem Bezug der Worte auf die Sache zu tun hat. Ohne diesen Bezug gäbe es, genau genommen, gar keine Stilfragen, weil den Worten jeglicher Anhalt entzogen wäre.
2. Je nachdem, wie das Verhältnis von Wort und Sache gefaßt wird, ist ein anderes Sprachverständnis vorauszusetzen. Und daß ein anderes Sprachverständnis auch mit einer anderen Stillehre einhergeht, versteht sich von selbst.
Im Folgenden versuche ich anhand von Heideggers Vortrag Überlieferte Sprache und technische Sprache aus dem Jahre 1962 die Frage nach dem Verhältnis von Wort und Sache so weit zu entfalten, wie es für eine Deutsche Stillehre zweckmäßig ist.
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Technische Sprache
Wie der Titel des Vortrags nahelegt, Überlieferte Sprache und technische Sprache, werden zwei Arten der Sprache gegenüber, oder zumindest: nebeneinander gestellt. Aus dem heute geläufigen Verständnis von Sprache entwickelt Heidegger zunächst den Begriff der technischen Sprache. Die technische Sprache ist sozusagen die äußerste Steigerung dessen, was Heidegger zufolge die »gängige Vorstellung« von Sprache ist:
Sprechen ist: 1. eine Fähigkeit, Tätigkeit und Leistung des Menschen.
Es ist: 2. die Betätigung der Werkzeuge der Verlautbarung und des Gehörs.
Sprechen ist: 3. Ausdruck und Mitteilung der von Gedanken geleiteten Gemütsbewegungen im Dienste der Verständigung.
Sprechen ist: 4. ein Vorstellen und Darstellen des Wirklichen und Unwirklichen. (S. 21)
Von diesen anthropologisch-instrumentalen Bestimmungen der Sprache ist der Weg nicht weit, die Sprache im Zuge des immer mächtiger werdenden Anspruches der modernen Technik nur noch als Information zu verstehen. Die Sprache als Information, d. h. als »Mittel der Mitteilung und Benachrichtigung« (S. 24), fordert »Eindeutigkeit der Zeichen und der Zeichenfolge« (S. 25) und mithin eine spezifische Weise des Sprechens, also einen spezifisch technischen Stil, der sich am logischen Kalkül und an der Mathematik orientiert.
Überlieferte Sprache
Anders dasjenige, was Heidegger in seinem Vortrag als überlieferte Sprache bezeichnet: Wenn im Sprechen nicht nur Zeichen gegeben und Informationen übermittelt werden, sondern »gleichsam im Rücken aller technischen Umformung des Sprachwesens« (S. 27) es beim Sprechen ursprünglich darum geht, etwas zum Scheinen zu bringen, was zuvor noch nicht erschienen ist, dann gehört zur Sprache eine Dimension, die wir mit gutem Recht die dichterische Dimension der Sprache nennen können. Nicht mehr die Form der Sprache zum Zwecke größtmöglicher Eindeutigkeit ist das Bestimmende, vielmehr der Bezug des Sprechenden auf die Sache, welche er sprechend allererst und immer anfänglich hervorbringen möchte. Die Weise solchen Sprechens kann sich dann nicht mehr nach Regeln und Konventionen richten, da ein solcher Stil immer wieder von Neuem aus dem Bezug auf die auszusprechende Sache sein Maß, d. h. seine Angemessenheit, empfängt.
Regelgrammatik und Angemessenheit
Was folgt daraus für unser Vorhaben, eine Deutsche Stillehre zu entwickeln? Gesetzt, daß die anthropologisch-instrumentale Bestimmung der Sprache, die im Zeitalter der Kybernetik und Informatik schließlich zur Information geworden ist, nicht nur ärmer als die dichterische Bestimmung der Sprache ist, sondern in dieser sogar gründet, können Regelgrammatiken und konventionelle Stilkunden für uns keine Wegweiser mehr sein. Über Richtigkeit und Falschheit entscheidet nun ausschließlich die Angemessenheit – und es sei an dieser Stelle hinzugefügt: In den meisten Fällen alltäglichen Sprechens ist es eben angemessen, den Duden weiterhin als Autorität anzuerkennen. Entscheidend ist nur, daß Angemessenheit im höchsten Sinne heißt: dem Sachbezug zu entsprechen. Über diesen gilt es also weiter nachzudenken, um aus ihm heraus einen gültigen Maßstab guten und schönen Stils zu entfalten.
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