Dank Internet und E-Mail wird heute mehr geschrieben denn je. Das meiste davon ist jedoch vollkommen unlesbar und hat mit Sprache nicht viel zu tun. Wer einmal den Selbstversuch unternommen hat, sich in Internet-Foren oder in der sog. Blogosphäre umzutun, wird dem kaum widersprechen. Aber auch in Bereichen, in denen größere Ansprüche an die sprachliche Gestaltung erhoben werden, an der Universität etwa, sind die textlichen Erzeugnisse nicht immer eine Freude; von einigen Romanen ganz zu schweigen! Die Sprache kann also auf mannigfaltige Weise fehlgehen. Dies nicht nur als ein Problem der Sprachrichtigkeit, sondern umfassender als ein Problem des Stils zu betrachten, ist eines der Grundmotive dieser neuen Artikelserie.
Aber was ist überhaupt Stil? Und was ist guter Stil? Daß hierzu eine ästhetische und wertende Hinsichtnahme auf die Sprache erforderlich ist, dürfte Anlaß zur Skepsis sein. Normative Ästhetik stößt heute auf breite Ablehnung, besonders dann, wenn sie sich auf ein grundlegend menschliches Phänomen wie die Sprache bezieht. Welcher Maßstab sollte auch an eine gute und schöne sprachliche Form angelegt werden? Hat dieser Maßstab vielleicht nur subjektive oder gar ideologische Gründe? Kurzum: Die Stilkunde hat höchstens Anhänger unter Journalisten und Schriftstellern, die zu schätzen wissen, daß die Verinnerlichung bestimmter Regeln und Konventionen Vorausbedingung freien und schöpferischen Umgangs mit der Sprache ist. Wer einen bestimmten Stil gelernt hat und zu imitieren in der Lage ist, so vorläufig dies auch sein mag, hat eine weitaus bessere Grundlage zur Entfaltung eines eigenen Stils.
Ich bin davon überzeugt, daß es einen Maßstab für guten Stil gibt. Diesen zu ergründen und den Lesern verständlich zu machen, gelten meine Bemühungen in den nächsten Monaten. Dabei sollen nicht nur moderne Stilkunden der deutschen Sprache von Eduard Engel bis Wolf Schneider
diskutiert werden, sondern auch der Erörterung philosophischer und rhetoriktheoretischer Grundlagen genügend Raum gegeben werden, wobei ich mich immer wieder auf Aristoteles und Cicero beziehen werde. Die meisten Beiträge sollen sich aber mit Stilfiguren und praktischen Regeln auseinandersetzen, sodaß diese Serie auch einfach als Stilratgeber gelesen werden kann.
Noch ein Wort zur Durchführung: Der Schreibende versteht sich nicht als Autorität in Stilfragen, sondern als Vermittler, der sich selbst im Rahmen dieser Serie in deutscher Stilkunst allererst kundig machen möchte: work in progress also. Eine gewisse Differenz zwischen Theorie und Praxis dürfte nicht zu vermeiden sein, zumal es ja gemäß der klassischen Rhetorik nicht nur des theoretischen Wissens, sondern auch der Übung und natürlichen Anlage bedarf, um ein guter Autor zu werden.
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