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Quelle: http://phainomena.de/2008/06/25/gedankenrhythmik

Gedankenrhythmik

Schadewaldts Odyssee-Übersetzung in neuer Auflage

Von Manuel Schölles am 25. Juni 2008 ·  Rezension

Ich ehre den Rhythmus wie den Reim, wodurch Poesie erst zur Poesie wird, aber das eigentlich tief und gründlich Wirksame, das wahrhaft Ausbildende und Fördernde ist dasjenige, was vom Dichter übrig bleibt, wenn er in Prosa übersetzt wird. Dann bleibt der reine vollkommene Gehalt, den uns ein blendendes Äußere oft, wenn er fehlt, vorzuspiegeln weiß und, wenn er gegenwärtig ist, verdeckt …« (Zitiert nach dem Nachwort von Wolfgang Schadewaldt: Homer. Odyssee. Hamburg 2008. S. 433, Anm.1.)

Das meint Goethe in Dichtung und Wahrheit und unsereiner schlackert mit den Ohren; das »gründlich Wirksame« und der »reine vollkommene Gehalt« – das sind riesengroße Worte, die man sich heute nicht mehr im Munde zu führen getraut. Anders der Altphilologe Wolfgang Schadewaldt, welcher noch einer Gelehrtengeneration angehört, die fern geschieden ist von postmodernen Idiosynkrasien, das Eigentliche also nicht scheut, sondern sucht, und gerade deshalb – oder muß man sagen: trotzdem? – die vielleicht beste deutsche Übersetzung von Homers Odyssee geliefert hat. Diese ist nun vom Rowohlt-Verlag in einer schönen und günstigen Taschenbuch-Ausgabe (rororo) neu aufgelegt worden.

Diese Rezension bezieht sich auf folgende Ausgabe: Homer: Odyssee, übers. v. W. Schadewaldt, Hamburg 2008. Wenn Sie über diesen Link bei Amazon bestellen, unterstützen Sie Phainómena mit einem kleinen Prozentsatz des (unveränderten) Kaufpreises. Besuchen Sie auch unsere Partnerprogramm-Seite.

Die Eleganz von Schadewaldts dokumentarischer Prosaübersetzung von 1958 ist kaum von der Hand zu weisen, muß sie sich doch nicht um die Zwänge des deutschen Hexameters kümmern, der so gar nicht dem griechischen, zumal dem homerischen mit seinen vielsilbigen Wörtern, entspricht. Die hexametrischen Übertragungen zeichnet also eine »Kunst des Streckens« (ebd. S. 435.) aus, sind doch Füllwörter nötig, die zwar nicht im griechischen Original stehen, aber vom Versmaß her erforderlich sind. Der Rhythmus der schadewaldtschen Kunstprosa hingegen soll dem Gedankenrhythmus entsprechen, was der Altphilologe wie folgt tiefer begründet haben möchte: »Vor allem mag aber hier jene homerische Sehweise spürbar werden, die das Hieratische mit dem Natürlichen vereint: das große Auge des Dichters, ruhig von einem klar und sicher erfaßten Weltding zum andern übergehend oder richtiger: mit innerem seherischem Blick es erst ins Dasein heraufrufend, evozierend, und in fortschreitend sich ergänzender Betrachtung eine Welt aufbauend, die ebensosehr aus festen, unerschütterlichen Substanzen besteht, wie sie sich für uns Heutige in Funktionen auflöst.« (Ebd. S. 439. Man hört Eugen Fink oder Martin Heidegger anklingen, spielt doch der Weltbegriff in Schadewaldts Übersetzungstheorie eine zentrale Rolle. Sein großer Homer-Sammelband heißt demnach auch Von Homers Welt und Werk (4. Aufl. Stuttgart 1965).)

Wer Schadewaldts Odyssee noch nicht kennt und eine Perspektive auf Homer sucht, welche sich von der gewohnheitsmäßigen Vorprägung durch Johann Heinrich Voß zu befreien versucht, hat nun wieder eine günstige Gelegenheit. Dabei sei nicht unterschlagen, daß sich unlängst Kurt Steinmann an eine Übersetzung der Odyssee gewagt hat – wieder in Versen übrigens.

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